Beitragslink

2

„Wissen Sie, wir sind keine Kirchgänger“

Foto: „Wissen Sie, wir sind keine Kirchgänger“
Katholische Kirche an der "Langen Nacht der Kirche" vom 17.09.2016

Egal ob ich ein Gespräch zur Vorbereitung einer Abdankung, Taufe, Trauung oder Konfirmation habe oder einen Geburtstagsbesuch mache. Irgendwann kommt dieser unausweichliche Satz der Besuchten: „Wissen sie, wir sind keine Kirchgänger“.

Ich fand das anfangs irritierend und fragte mich, ob mein Auftreten irgendwie etwas Vorwurfsvolles hatte. Später überlegte ich mir, ob sie wohl dachten, ich besuche sie eigentlich nur, um ihnen die Leviten zu lesen.

Dabei ist doch ganz einfach: wenn „meine Besuchten“ Kirchgänger wären, wüsste ich es ja!

Aus diesem Sinn erübrigt sich die Entschuldigung. Ausser sie hat die Funktion einer Art Beichte und mein Gegenüber müsste sich von etwas entlasten.

Irritierend finde ich die Antwort allerdings, wenn ihr Geständnis auf meine Frage folgt: „Woran glauben sie?“

In erster Linie hat Glaube ja nicht direkt mit dem Besuch des Sonntagsgottesdienstes zu tun. Natürlich fände ich es schön, wenn jeder, der an Gott glaubt, am Sonntag in die Kirche käme. Aber mir ist auch als Pfarrerin klar: Es gibt viele Menschen, die an Gott glauben, ihre Spiritualität leben und trotzdem nicht am Sonntag in die Kirche kommen…

Manchmal fragte ich nach, warum sie sich für ihr nicht-Erscheinen in der Kirche entschuldigen. Und darauf kam mir manchmal Mitleid entgegen: Sie möchten sich nicht vorstellen, wie ich am am Sonntag so alleine und verlassen in der Kirche stehe, und es tue ihnen leid, dass sie dennoch nicht kommen.

Einmal fand ein Mann, den ich zu seinem Geburtstag besuchte: Wenn ich ihn besuche, dann besuche er mich auch einmal im Gottesdienst, was er dann auch tat, sozusagen als Gegenleistung. Aber ehrlich gesagt möchte ich nicht, dass die Menschen zu mir in die Kirche kommen, weil sie Mitleid mit mir haben, sondern weil sie sich erhoffen, am Sonntagsgottesdienst etwas mitnehmen zu können, das ihnen hilft ihr Leben zu bewältigen.

Und hier nun meine Erklärung an alle, die keine „Kirchgänger“ sind:

Es ist ok, dass Sie nicht so die Kirchgänger sind. Sie müssen kein schlechtes Gewissen haben. Ehrlich. Denn ich bin Ihnen dankbar, dass wir durch Ihre finanzielle Unterstützung eine wunderbare Kirche haben, eine zuverlässige Sigristin, eine geniale Organistin … und mich. Und dank ihnen gibt es nach dem Gottesdienst Kaffee und Zopf (und im Sommer Wurst und Salat)! Und diejenigen, die dann kommen geniessen das. Ich schliesse Sie in unser Gebet ein: DANKE!!!

 

Diesen Beitrag finde ich...
  • spannend (6)
  • berührend (24)
  • lustig (5)
  • nachdenklich (27)
  • wichtig (34)
  • fragwürdig (0)
  • langweilig (0)

2 Kommentare

  1. Ich habe gerade den Blog-Beitrag und den Kommentar auf der letzten Seite des a+o gelesen. Ich könnten den Kommentar selber geschrieben haben. Ich habe oft das Gefühl, die Predigt sei nur noch für die alten Leute – mich mit 73 Jahren und kritischen Sinnen kann sie selten fesseln. Ich benutze die Zeit der Predigt eher als stille Andacht und Selbstbesinnung.
    „The secret of a good sermon is to have a good beginning and a good ending;
    and to have the two as close together as possible.“ – George Burns
    Wen wundert’s, wenn Junge eher zu icf abwandern.

  2. finde ich toll! es gefällt mir, dass sie die nichtgottesdienstbesucherinnen zu schätzen wissen. ich selbst mag die kirche sehr und finde es schön zu wissen, dass am sonntag gebetet, verkündigt, gefeiert wird – auch und gerade weil ich es selbst fast nie schaffe dabei zu sein 😉

Schreibe einen Kommentar

Bitte füllen Sie sämtliche mit * markierten Pflichtfelder aus.