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Woran glaubst Du?

Foto: Woran glaubst Du?

Kürzlich hörte ich einer Radiosendung zu mit dem Thema: «Woran glaubst Du?» Freidenker, Philosophen und Esoteriker haben sich zu Wort gemeldet. Der Grundtenor lautete: Ich glaube an eine höhere Macht. Ich glaube an Reinkarnation. Ich glaube an geistige Wesen. Ich glaube an mich und meine Möglichkeiten. Man fand, in einer postmodernen, wissenschaftlich fortgeschrittenen und aufgeklärten Welt kann man nicht mehr an eine Religion glauben, die über 2‘000 Jahre alt ist. Das gehe einfach nicht. Biblische Beispiele wurden genannt: Der weggerollte Stein der Grabstätte Jesu oder die Auffahrtsgeschichte, bei welcher sich Jesus den Jüngern ein letztes Mal zeigte, bevor er auffuhr. Man wollte damit zum Ausdruck bringen: Wie kann man nur an solche Geschichten glauben, ts-ts-ts-ts!

Ich war nicht überrascht. Trotzdem: Das Philosophieren übers Göttliche, mit grundsätzlich verschiedenen Ansichten, fasziniert mich.

Auch ich kann meinen Glauben, meine Überzeugung vom christlichen Glauben nicht beweisen. Obschon – all die Schriften, all die Funde, all die Erzählungen die es gibt. Und erst die Qumranschriften, welche zwischen 1947 – 1956 in Felshöhlen gefunden wurden. Eine Religion, die über 2‘000 Jahre alt ist. Unsere Grundlage, die Bibel. Das erst- und meistgedruckte Buch, das meist gelesene, das meist übersetzte, das meist diskutierte, das meist kritisierte, etc. Darüber hinaus haben sich die Menschen bei keinem anderen Buch derart viel Mühe gegeben, einen Gegenbeweis zu erbringen. Erfolglos, bis heute. Die Liebe, welche ich in diesem Glauben finde erhalte und bewahre. Glaubt man von ganzem Herzen und leidenschaftlich, brennt ein Feuer in einem. Nichtgläubige bewegen sich nur im wissenschaftlich beweisbaren Rahmen, und lassen das Überirdische nicht zu (müssen ja auch nicht).

Mir fällt ein Satz von Jeremias Gotthelf zu: «Wie arm sind die Menschen, für die es nur Begreifliches gibt.»

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6 Kommentare

  1. dass der stein weggerollt war, glaube ich auch nicht, es sei denn symbolisch. bei der auffahrt ist es schon etwas anders: ein gefolterter wird endgültig dem zugriff entzogen. wer weiss, ob er nicht heute mit moderner elektronik aufgespürt werden könnte. im aktuellen DAS MAGAZIN sagt ein denker, es gehe zur zeit nicht um ein renaissance von religion, sondern von spiritualität. illustriert wird dieser gedanke durch die abbildung eines kreuzes, an dessen balken ein rittiplampi – schaukel nennt man das, glaube ich, zu deutsch – befestigt ist und auch rege benützt wird. die mystische tradition ist hier nicht ganz unbeteiligt, weil sie den ort unter dem kreuz tendentiell umgeht und als alternative das lassen und übersteigen, das unbegreifliche thematisiert. andererseits kann das angesichts der auffassung, dass jesus vor seinem tod in den himmel aufgefahren ist, dem frieden unter den religionen dienen.

    • Was für eine interessante Rückmeldung! Vielen Dank dafür! Auch ich bin der Meinung, dass viele ‚Geschichten‘ symbolisch angeschaut werden können. Und trotzdem – ein gewisser kindlicher Glaube mag ich mir nicht nehmen lassen. Ich habe überhaupt keine Mühe mit den Wundergeschichten. Ich liebe sie.

      Auch teile ich die Meinung, dass es um Spiritualität geht. Glaube, Spiritualität, Mystik – eine Trilogie, oder nicht?

      • in den 80er-jahren schrieb ich eine arbeit über erich fromm. darin konnte ich meine interessegebiete psychoanalyse, mystik und theologie vereinigen.

        mystisch oder dogmatisch?
        die wahre saat sprosst automatisch

        notierte ich damals in einer studentenzeitung (vgl. mk 4,28)

        ich verstehe mich als vertreter einer religionsoekumenisch orientierten ursprünglich protestantischen offenbarungstheologie. gehe ich aber z’tanz und werde gefragt: „wie macht man das?“, antworte ich nicht: „auch so etwas wortfremdes wie tanz geschieht durch das wort.“ das würde die situation überfordern und die bewegung verkrampfen. „du darfst nichts machen, sonst geht es nicht“, pflege ich zu sagen. das kommt wohl aus der mystischen tradition und ist doch auch ein wahrheitsmoment in der theologischen wahrheit. im anfang war das wort. alle dinge sind durch dasselbe geworden. auch wenn im schauen von angesicht zu angesicht die erkenntnis, dass es so ist, abgetan ist. würde ich immer weiterschreiben, käme ich vielleicht auch zu einer trilogie oder trias, sie würde wahrscheinlich etwas anders aussehen als die Ihre – aber das sollte ich nicht tun.

  2. „Man fand, in einer postmodernen, wissenschaftlich fortgeschrittenen und aufgeklärten Welt kann man nicht mehr an eine Religion glauben, die über 2‘000 Jahre alt ist. Das gehe einfach nicht.“

    Kann man an eine Mathematik glauben, die weit über 2000 Jahre alt ist? Etwas abzulehnen, bloß, weil es alt ist, ist kein Zeichen von Reife!

    • Wie wahr! Weisheit und Reife erlangt man doch auch mit dem älter werden …

      Danke für Ihre Rückmeldung, sie hat mich sehr gefreut!

    • postmodern: die vereinigung des urspünglichsten mit dem modernsten. was der zitierte sagt, stimmt und stimmt nicht. eine mathematik, die 2000 jahre alt ist, können wir auch nicht unbesehen übernehmen. es gab auch eine zeit, in der man sagte: weil etwas alt ist, ist es wahr. grundlegend für die religion ist die offenbarungswahrheit. mathematik ist das urbeispiel für die vernunftwahrheit. im unterschied dazu die historische wahrheit: sie ist auch der reinen vernunft zugänglich, hat aber nicht mathematische evidenz. aber recht verstanden haben Sie recht – und er auch. die aufklärung hat stellenweise zu wenig bedacht, dass die reine vernunft (im unterschied zur offenbarungsgestützten vernunft) und damit auch die naturwissenschaft, nur bis zu tod denken kann. die vernunft ist nur soweit ganz rein als sie durch offenbarung verunreinigt ist, weil das nicht durch andere interessen verunreinigte reine interesse an der wahrheit nur soweit möglich ist, als die verblendende aktivität im interessierten endet.

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