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Zwischen den Regalen

Einkaufen gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Leider ist es aber ein notwendiges „Übel“. Als Pfarrerin zudem noch ein „Übel“ mit Tücken. Denn der Einkauf bedarf einer gewissen Organisation und Strategie: bevor ich losmarschiere in Richtung Migros, Coop und Konsorte muss ich mir zwei Fragen stellen:

Wieviel Zeit habe ich zur Verfügung, und wie ist mein momentanes Befinden?

Der geneigte Leser wird sich vielleicht wundern, warum ich ums Einkaufen so ein Wesen mache. Nun: ich kaufe halt nicht nur für meine Familie ein. Nein – der Lebensmittelladen ist immer auch eine Drehscheibe für kleinere oder grössere Gespräche.  Zwischen Milchregal und Obstauslage habe ich schon allerlei Lebensgeschichten gehört, Dramen aus erster Hand, oder einfach Small Talk gemacht und mich über den neuesten Dorfklatsch informieren lassen.

Als ich frisch im Pfarramt war, hat mich das gestresst. Ich fand es peinlich, wenn die Leute mir in aller Öffentlichkeit ihr Herz ausschütteten. Immer wieder versuchte ich, das Gespräch in einen intimeren Rahmen weiterführen. Heute sehe ich dies gelassener: es gibt Menschen, die den Schutz der Öffentlichkeit brauchen um sich öffnen zu können. Sie bestimmen das Setting, und ich leihe ihnen mein Ohr.

Geändert hat sich in den Jahren auch meine Strategie: Wenn ich Zeit und ein offenes Ohr habe, gehe ich zu den Stosszeiten in den Laden. Gemächlich stosse ich meinen Einkaufswagen vor mir hin, lächle hier, grüsse dort und zeige damit, dass ich Zeit habe für ein Gespräch.

Meine Familie weiss aus Erfahrung, dass in diesem Falle mein Einkaufsbummel ca. 2 Stunden dauern kann. Mein Mann ist dann immer darauf bedacht, dass ich den Einkaufszettel nicht vergesse. Denn vor lauter zuhören und reden, vergessen ich gerne den eigentlichen Zweck meines Besuches im Laden, bringe dann jeweils die Hälfte nach Hause und der Göttergatte, darf dann noch einmal einkaufen gehen.

Wenn ich nur wenig Zeit habe, gehe ich den kleinen Dorfladen. Der ist relativ schlecht besucht und ich kann meine Einkäufe in normaler Frist erledigen.

Tückischer werden die Einkäufe, wenn ich viel einkaufen muss, aber schlecht gelaunt bin. Dann möchte ich einfach einkaufen können, Hausfrau sein, in der Menge verschwinden und die Frau Pfarrer zu Hause lassen.

In diesem Fall fahre ich in den übernächsten grösseren Ort um meine Einkäufe zu machen.

So geschah es auch letzthin. Leider schien ich nicht die einzige Person mit dieser Idee zu sein: eine Dame aus unserer Gemeinde hatte es auch dorthin verschlagen. Mit etwas schlechten Gewissen, manövrierte ich meinen Wagen durch Winkel und Ecken, um ja nicht entdeckt zu werden, bis wir beide bei den Strumpfhosen unvermeidlich aufeinander trafen.

Beide waren wir sehr verlegen – und tauschten Höflichkeiten aus.

Doch es führte schnell zu einem tiefen Gespräch. Irgendwann meinte die Dame: „Ach – jetzt bin ich doch froh, Sie getroffen zu haben Frau Pfarrer, Ich hatte Sie schon vorher gesichtet und habe versucht Sie zu meiden, denn ich kann Ihnen ja schlecht nur Guten Tag sagen. Aber heute hatte ich solch üble Laune … Aber jetzt geht es mir wieder besser!“ Etwas verblüfft schaute ich sie erst an und beichtete ihr dann, dass ich sie auch gemieden hätte, weil ich ebenfalls schlechte Laute hatte und dass es mir nun auch viel besser ginge. Und das Ganze mündete in ein gemeinsames Lachen.

Als ich sie letzthin im Dorfladen traf, zwinkerte sie mir zu und meinte: „Gäll, Frau Pfarrer, heute haben wir beide gute Laune!“

 

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1 Kommentar

  1. Ich stell mir das anstrengend vor. Ich bin extra aus meinem alten Dorf weg gezügelt, damit ich mehr Privatsphäre habe. Diese Anonymität hier in Dietikon allerdings brökelt langsam. Auch ohne eine Verbindung zu einem Verein, wächst dennoch der Kreis der bekannten. Sobald meine Tochter in den Kindergarten und in die Schule geht, wird dieser Kreis noch grösser.

    Also frage ich mich, bin ich bereit diese Anonymität aufzugeben?

    Um so schöner zu sehen, dass auch andere Menschen manchmal gerne einen unsichtbaren Umhang tragen möchten 🙂

    Lieben Dank für diese Zeilen

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