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Abschied von einem Gebet

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Wie verabschiedet man sich von einem Gebet, das einen fast das ganze Leben begleitet hat?

Ich habe beschlossen, dass ich das „Unser Vater“ in Gottesdiensten und Feiern, die ich gestalte, nicht mehr verwende und nicht mehr vorbete.

Das wird nicht nur in mir Wellen werfen. Immerhin habe ich das Gebet von klein auf gekannt. Es war das erste Gebet, das ich nach zwei drei Tischgebeten auswendig konnte. Als Bezirksschüler konnte ich auch die althochdeutsche Formulierung, als Austauschstudent den französischen Wortlaut.

In Zeiten der Angst als Teenager hat es mich nachts getröstet, vor allem nach Cevi-Kursen, in denen viel von Dämonen und Apokalypse die Rede war. Ebenso wichtig war damals die Bibel neben dem Kopfkissen und ein paar Asterix-Bände.

Als Theologiestudent und Jungpfarrer war ich überzeugt davon, mit dem „Unser Vater“ in jeder Liturgie ein Zeichen der Verbundenheit mit Christen weltweit und aller Zeiten zu pflegen.

Da mache ich nun grosse Fragezeichen.

Das alte Gebet nennt Gott „Vater“ und reduziert beten auf eine einzige Möglichkeit, was Gott für Menschen sein und bedeuten kann. Der alte Text transportiert und zementiert die Vorstellung von Gott als Herrscher, was einen Hintergrund liefert für autoritäre Regimes in Staaten und Firmen rund um den Erdball.

Da mache ich in dieser Form nicht mehr mit.

Dazu will ich niemanden anleiten.

Wie ich die so entstandene Leere fülle, weiss ich noch nicht.

Ich freue mich auf die Diskussion in den Kommentaren und bei Begegnungen.

 

 


Lieder, die für mich das Unservater ablösen könnten wären zum Beispiel „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ oder „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht„.

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Verfasst von Simon Pfeiffer

Als ehemaliger Gemeindepfarrer auf der Fachstelle Pädagogisches Handeln, als miterziehender Vater in Teilzeitanstellung, als christlich geprägter Theologe mit Islamwissenschaftsstudium und Germanist mit Vorliebe für Mittelalter, Krimis und Fantasy lese und höre ich vielerlei. Gerne erprobe ich neues Wissen im Dialog. Und sehr gerne denke und spüre ich über Grenzen hinweg. Ich arbeite mit in der Arbeitsgruppe 1 "Inhalt und Botschaft".

4 Kommentare

  1. Wellenschlag
    gewiss
    im Sturm
    das Unser Vater
    ausgesetzt

    Wellenschlag
    nicht mehr ganz dicht
    das Gebet
    die Betenden
    der die das Angebetete

    Wellenschlag
    ausschöpfen neuschöpfen
    nicht vergessen
    den die das wecken
    der die das schläft
    mitten im Sturm

  2. Lieber Simon
    Seit der Schule kenne ich das Vater unser. Ich betete es nicht gerne, fand es sei im Gottesdienst nur ein „Runterleiern“ ohne zu wissen was gesagt wird.
    In der Ausbildung zur Katechetin musste ich mich mit drei Kolleginnen mit dem Vater unser auseinandersetzten und dabei fand ich es ein wunderbares Gebet, wenn einem selber die Worte fehlen. Es enthält alles für alle.
    Heute geht es mir ähnlich wie dir. Gerne würde ich eine andere „Fassung“ beten.
    z. Bsp. bei „Führe uns nicht in Versuchung“ (gemäss Rudi Berner in „Auf ein Wort“ will Gott uns nicht in Versuchung bringen.) Sein Vorschlag für eine andere Formulierung wäre: „Führe uns in der Versuchung“.
    Das Buch von Rudi Berner habe ich bis jetzt nicht fertig gelesen. Aber dieser eine Gedanke von ihm hat mich sehr fasziniert und gefällt mir. Vielleicht müsste man das Vater unser „überarbeiten“?
    Im Moment kann ich mir nicht vorstellen dieses Gebet nicht mehr zu beten. Ich versuche es in Gedanken für mich anzupassen. Dann stellt sich mir die Frage: Soll ich es den Kindern nicht mehr beibringen? Nach deinem Artikel könnte das Vater unser für mich im 2023 zur Herausforderung werden? Vielleicht? Wer weiss?
    Ich freue mich auf weitere spannende Artikel von dir und wünsche dir ein gesegnetes neues Jahr.
    Herzlichst
    Christiana

    • Liebe Christiana
      Es ist wirklich nicht ganz ohne, etwas aufzugeben, was dermassen Halt geben konnte und vielen noch Halt gibt. Vielleicht wäre es tatsächlich an der Zeit, das Gebet umarbeiten oder sogar neu dichten.
      Das könnte irgendein literarisches oder dichterisches Genie tun und einen neuen grossen Wurf für die nächsten zweitausen Jehre machen, oder wir machen das gemeinsam in einem co-kreativen Prozess. Vielleicht würden so auch verschiedene Varianten entstehen und einzelne Zeilen müssten unter Umständen jeweils wieder aktualisiert werden.
      Wenn alle die künftigen „Nachkommen“ des Uservatergebetes im selben Rhythmus gehalten werden und von der Silbenzahl nicht zu sehr voneinander abweichen, würde es vielleicht sogar möglich, verschiedene Versionen synchron nebeneinander zu sprechen und sich gerade darin verbunden zu fühlen. Alle Teilnehmenden können je ihre eigene Version mitbringen. Ich stelle mir das gerade sehr lebendig und schön vor.
      Für mich wäre es höchste Zeit, dass nach 2000 Jahren das Gebet einmal anfängt mit „Unsere Mutter“.
      Dir auch ein bäumiges Neues Jahr!
      Simon

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