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Altersheim goes Internet

Foto: Altersheim goes Internet

Im ersten Lockdown war unser Alterszentrum erst mal einfach zu. Keine Besuche, keine Andachten mehr. Ich habe den Bewohnenden ab und zu Briefe geschrieben, die intern vervielfältigt und verteilt wurden; zu Ostern habe ich ein Gitter mit Narzissen vors Haus gestellt, welche vom Personal auf den Zimmern verteilt wurden. Und natürlich haben meine Kollegin und ich vom Pfarramt aus, wie auch bei daheim wohnenden älteren Menschen, damals alle über 80 angerufen.

Zu Pfingsten dann haben wir für die Kirchgemeinde eine Filmproduktion gemacht, einen Gottesdienst mit Abendmahl zum daheim feiern. Der Film wurde dann auch im Alterszentrum über youtube auf Leinwand gezeigt, und die Bewohnenden konnten das Abendmahl vor Ort mitfeiern.

Im Sommer und Herbst konnte ich wieder einige Male vor Ort Andacht halten, mit den üblichen Schutzvorkehrungen, Maske und ohne jemandem je näher als zwei Meter zu kommen. Grüezi nur mit Winken, auf Distanz, aber immerhin live.

Dann musste im Herbst akut wieder geschlossen werden, zwei Tage vor der ökumenischen Totengedenkfeier. Ich beschloss, zuhause eine Feier als audio aufzunehmen und diese zusammen mit Klavierstücken unserer Kirchenmusikerin (es hatte sich schon ein ganzes Repertoire in unserer MP3-Mediathek angesammelt) ans Heim zu schicken. Zu meiner Freude hat der Heimleiter die Feier persönlich im Saal ausgerichtet, zeigte dazu passende Bilder auf der Leinwand, und für die Verstorbenen wurden Kerzen angezündet.

Die Weihnachtsfeier konnte ich wieder mit den Menschen vor Ort feiern, allerdings ohne Live-Musik, und es durften keine Angehörigen teilnehmen. Wir waren tapfer, aber das Fehlen der Angehörigen hat die Stimmung deutlich gedämpft.

Nun hat sich unser Repertoire nochmals verfeinert. Die Bewohnenden versammeln sich im Saal, vorn steht ein Laptop, mit dessen Webcam ich alle sehen kann. Die Menschen vor Ort sehen mich umgekehrt auf der Leinwand, so dass wir einander zuwinken und richtig miteinander sprechen können. Die Andacht findet als Zoom-Konferenz statt mit zwei Teilnehmenden: Dem Saalpublikum und mir. Der Heimleiter ist mit einem zweiten Laptop dabei und spielt Musik und Lieder ein, die ich vorgängig mit der Kirchenmusikerin aufgenommen habe, teils sogar zweistimmig – so dass die Leute, die möchten, wie üblich mitsingen können.

step by step haben wir Methoden gegen die Isolation entwickelt, und ich freue mich enorm. Noch vor zehn Jahren wären die Leute bei so einer Pandemie einfach eingeschlossen gewesen – jetzt sind sie es zwar auch, aber die technischen Listen, die wir anwenden können, lassen doch den einen oder anderen Lichtstrahl einfallen.

Die Kooperationsbereitschaft des Alterszentrums ist lässig – die Zoom-Idee kam von dort. Und mein Ärger darüber, wie ich als Seelsorger anfangs ausgesperrt war, verfliegt nach und nach. Und ich muss anerkennen: Das Heim hat bis heute alle Bewohnenden ohne Corona-Infektion durch die Pandemie gebracht. Und das ist, so wie es inzwischen aussieht, nicht an vielen Orten gelungen.

Martin Kuse, Pfr. in Holderbank-Möriken-Wildegg

 

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2 Kommentare

  1. Lieber Martin
    dein Beitrag tut richtig gut. Von Herzen freue ich mich, dass es dir mit anderen gelang, die Leute im AZ zu erreichen, das Feiern auf diese Weise möglich wird. Für uns ältere Menschen ist das enorm wichtig. Auch deine Briefe und der Narzissengruss zeigt wie wichtig dir diese Kontakte sind.
    Ich bin in Lenzburg in eine Alterswohnung gezogen, vielleicht sehen wir uns ja mal.
    Sei gesegnet und alles Liebe Liselotte Meier (Othmar)

  2. Diese lange Corona-Zeit ist auch für uns im Altersheim trotz allen Einschränkungen und Belastungen, ein spannender Prozess und eine lehrreiche Phase. Innerhalb aller Schutzmassnahmen und Abschottungen ist ein grosses Mass an Improvisation gefragt. Neue Wege werden ausprobiert – immer mit dem Schutzgedanken im Hinterkopf nicht immer einfach.
    Herzlichen Dank Herr Pfarrer Kuse, dass Sie uns bei diesen „Improvisationen“ so engagiert begleiten und an uns denken.

    im Namen der Bewohnenden des AZ Chestenberg

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