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Die Zukunft kommen lassen

Foto: Die Zukunft kommen lassen

«Welche Bedeutung kann die reformierte Kirche für Menschen ausserhalb der Kirche haben?» So lautet eine der Fragen vom Kirchenrat an unsere Arbeitsgruppe (4, Zugehörigkeit). Also ich habe gerade keine Antwort parat. Für mich deutet sie jedoch «vom Schiff her» schon mal auf Veränderung hin.

«Veränderung». Zunächst habe ich einige Zeit über dieses Wort nachgedacht. Das Betätigen von einem Lichtschalter bringt Veränderung. Drücken: Licht an. Nochmals drücken: Licht aus. Eine unmittelbare Veränderung, die von mir mechanisch, einfach und auch bewusst hervorgerufen werden kann, wenn es dunkel wird und ich persönlich gerade das Bedürfnis für Licht habe. Wenn der Lichtschalter über einen Dimmer verfügt, entscheide ich mich für die eine Position, die gerade am besten passt. Da ist es doch schon etwas komplexer, weil ich mich bei einem stufenlosen Dimmer ja zwischen allen verschiedenen Positionen entscheiden kann. Dabei weiss ich: Bei jeder Veränderung der Einstellung, verzichte ich gleichzeitig bewusst auf die vorherige oder generell auf andere Einstellungsmöglichkeiten. Ich weiss auch, dass ich die Position jederzeit wieder verändern und meinen Bedürfnissen anpassen kann.

Veränderung hat also mit Rahmenbedingungen und mit individuellen Bedürfnissen zu tun. Sie wird bewusst herbeigerufen, um die Zukunft zu verändern und kann auch einen Trade-Off mit sich bringen. Dann nämlich, wenn ich mich für das Eine und damit gegen das Andere entscheiden, also loslassen muss. Das Wesentliche dabei ist, dass ich etwas dafür tun muss, um die Veränderung herbeizurufen.

Beim Beispiel mit dem Lichtschalter kann ich mich auf Wissen und Erkenntnisse aus der Vergangenheit stützen: Ich weiss oder ich habe gelernt, dass ich, wenn es dunkel wird, den Lichtschalter betätigen muss, damit ich genügend Licht habe, wenn ich es benötige.

«Welche Bedeutung kann die reformierte Kirche für Menschen ausserhalb der Kirche haben?» Können wir diese Frage auf Basis von bestehendem Wissen, unserer Erfahrungen, Datenmaterial und Informationen aus der Vergangenheit beantworten? Ich denke: Nein.

Um diese eine Frage wirklich, nachhaltig und realistisch beantworten zu können und damit aus der Beantwortung auch Aktionen erfolgen können, müssen wir einen anderen Ansatz finden. Also warum denken wir, anstelle von der Vergangenheit, nicht von der Zukunft her?

Und jetzt? Was hat das zu tun mit «Die Zukunft kommen lassen»? Und überhaupt, normalerweise geht die Zeit vom Jetzt auf die Zukunft zu und nicht umgekehrt!

Uns wurde die «Theorie U» vorgestellt, eine Kreativ-Methode von Dr. Claus Otto Scharmer. Sie soll ganzheitliche Veränderungen in Menschen, Teams oder Organisationen anregen. Kernstück der Methode ist ein U-förmiger Prozess, der schöpferisch neue Lösungen freilegen soll: Auf der linken Seite steht das Innehalten, das Infrage stellen des Bekannten, das Erspüren eines möglichen Neuen und das Loslassen. Am Scheitelpunkt des U vollzieht sich das «Presencing». Eine Wortschöpfung aus den englischen Worten sensing (fühlen, erspüren) und presence (anwesend sein, auftreten), es bedeutet das höchste Zukunftspotential zu erspüren, sich mit dieser Quelle zu verbinden und dann von diesem Ort aus zu handeln.

«Presencing ist die Fähigkeit, unsere Wahrnehmung aus dem Gefängnis der Vergangenheit zu befreien und sie aus der Zukunft heraus operieren zu lassen.»
(Claus Otto Scharmer)

Otto Scharmer beschreibt, dass sich unsere innere Haltung ändern muss, um Veränderungen und den Bewusstseinsprozess zuzulassen. Schritt für Schritt, wird zuerst der Kopf, dann das Herz und letztendlich der Wille «geöffnet».

Der Scheitelpunkt vom U ist also eigentlich eine leere Leinwand vor der wir als Maler stehen, bis wir da angelangt sind und mit Zeichnen beginnen können. Da sind wir noch nicht. Wir sind aber gespannt auf unsere Antworten.

Theorie U, Dr. Claus Otto Scharmer

Quelle: Essentials der Theorie U, C. Otto Scharmer

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Verfasst von Sandrine Knechtli

Dauer-Optimistin, Frohnatur mit leicht sarkastischen Zügen, Handwerkers-Tochter und Marketing-Kommunikations-Spezialistin, Aarau-Lover, Mitglied der Synode seit 2019. Ich stehe auf Design, Tattoos, Fernsehen und Pasta. Und ich bleibe neugierig. Ich arbeite in der Arbeitsgruppe 4 «Zugehörigkeit» der Kirchenreform 26/30 mit.

1 Kommentar

  1. „das innehalten, das infrage stellen des bekannten, das erspüren eines möglichen neuen und das loslassen“ – mk 10.30: „was ihr nicht habt, habt ihr hundertfach“ ist – warum habe ich das in meinem kommentar zum vorangehenden beitrag vergessen? – insbesondere auch politisch relevant: habe ich kein grosses reich, habe ich es hundertfach. habe ich keine politische freiheit: „zur freiheit befreit“ (gal 5.1) heisst, leben können auch ohne. und leben heisst, sie mit pflugscharen doch zu erreichen. haben wir kein ruhiges europa, haben wir es doch: hundertfach. christian link sagte 1980 in einer vorlesung: „die ursache liegt in der zukunkft.“ da streckte ich die hand auf und gab – unter gelächter der hörsaals – zum besten: „von vorne zieht es und von hinten stösst es.“ wünschenswert fände ich eine kirche, die nicht immer gleich auf ethik geht, sondern diese erst ermöglichende dogmatische inhalte an andere kirchen, religionen, staaten vermittelt – und dabei entdeckungen macht wie die: in der buddhanatur ist alles enthalten. im elementarsten dasselbe wie mk 10.30. so dass es also weniger um die frage nach der zugehörigkeit zur kirche oder kirchgemeinde geht, sondern um die nach der zugehörigkeit der kirche zu der im elementarsten bereits gegebenen zukünftigen vereinigung der religionen und nicht-religionen.

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