Zusammenfassung des Podcasts durch Claudia Daniel-Siebenmann, Leiterin Kommunikation
Zu Beginn des Podcasts blenden Thorsten Dietz und Andreas Loos zurück ins 19. Jahrhundert und erzählen die reformierte Freiheitsgeschichte des Glaubensbekenntnisses nach. Als sich die schweizerische Gesellschaft insgesamt demokratisierte, regte sich der Freiheitsdrang auch in der Kirche. Die staatskirchliche Bekenntnispflicht wurde aufgehoben. Autoritätskritisch befreite sich die Kirche von den Glaubensbekenntnissen, die je länger, je mehr als unzumutbar, zwingend und unterdrückend empfunden worden waren.
Heutige Situation
Heute sei die Situation eine andere: ‹Bekennen› sei heute in verschiedenen Situationen sehr angesagt: Parteien bekennen sich zu Europa oder den Werten der Schweiz, Fans zu ihrer Fussballmannschaft, Menschen in Talkshows zu ihren Positionen, so Andreas Loos. ‹Bekennen› sei kein heute kein Fremdwort. Das Leitbild einer Firma sei eine Art Bekenntnis, ein Identitätsmarker.
Gleichzeitig hätten heute – im Zuge der Säkularisierung – viele Menschen keine Ahnung mehr, was es eigentlich heisst, Christ und reformiert zu sein. Ein identitätsstiftendes Bekenntnis werde daher zunehmend wichtiger. «Eine Minderheitskirche wird gar nicht anders funktionieren können, als dass die, die dabei sind, wissentlich und willentlich und gerne dazugehören und das auch bekennen können.», so Thorsten Dietz. Zu etwas zu gehören, wo man kein Zugehörigkeitsgefühl habe, werde zunehmend weniger plausibel. «Die Kirche, die es in Zukunft geben wird, wird eine Kirche sein, in der Bekennen eine neue Selbstverständlichkeit hat. Das glaube ich, weil die Zeit einfach aufhört, wo man wie selbstverständlich dazugehört. Wir sind die letzte Generation, die noch Menschen kennengelernt hat, die zur Kirche gehören, weil es sich so gehört.», so Thorsten Dietz.
Was ist eigentlich Bekennen?
«Wer etwas bekennt, der spricht persönlich, der ist authentisch, der macht sich ehrlich, er macht sich angreifbar.», so Thorsten Dietz. Echtheit, Ehrlichkeit, Authentizität und Selbstdefinition seien zentral beim Bekennen.
Bekennen sei gleichzeitig ein Loyalitätsakt: Man bekennt sich zu Etwas und wird dadurch Teil von Etwas. Durch gemeinsames Bekennen entsteht Vergemeinschaftung. In der Geschichte habe die Bekenntnispflicht zu einer Loyalität genötigt, die Authentizität und Ehrlichkeit unmöglich gemacht habe. In dieser Spannung stehen verbindliche Bekenntnistexte auch heute. Thorsten Dietz und Andreas Loos versuchen, diese Spannung zu lösen, indem sie das Bekenntnis vom Kopf ins Herz holen: Bekennen sei mehr als intellektuelle Zustimmung zu Dogmen. Bekennen sei vor allem Herzenssache. «Christlicher Glaube ist ein Einstimmen und kein intellektuelles Zustimmen.», so Andreas Loos. Widerspiegeln, was man von und mit Gott erlebe, sei beim Bekennen zentral: «In Jesus Christus hat Gott sich in einer unfassbaren Weise zu uns Menschen bekannt. […] Gott bekennt sich zu uns und deshalb habe ich Lust, mich zu Gott zu bekennen.», so Andreas Loos.
Doch wo fängt man mit Bekennen an? Was ist das Unverlierbare, der Unique Selling Point, fragt Thorsten Dietz und liefert die Antwort sofort mit: «Christinnen und Christen sind Menschen, die sich zu Jesus bekennen.» Der Name Jesus müsse dabei wieder den Geschmack einer grossen Einladung, einer grossen Freude, eines Bildes vom menschenfreundlichen Gott bekommen.
Ein Bekenntnis: «Wie im Himmel, so im Aargau»
Der Slogan der Kirchenreform «Wie im Himmel, so im Aargau» sei ein Bekenntnis, so Thorsten Dietz: Ein abgewandeltes Jesuswort. So stehe Jesus dezent im Zentrum. Himmel sei gleichzeitig eine Metapher, ein Gefühl von frei sein und geliebt sein. Das Reich Gottes, das Himmelreich sei zudem das grosse jesuanische Thema gewesen, ergänzt Andreas Loos. Himmel bedeute nicht, alles schon zu wissen, sondern als Gemeinschaft unterwegs zu sein, zu experimentieren, Fehler zu machen, einander zu vergeben und daran zu glauben, dass es eine andere Art zu leben gibt. «In einer Zeit, wo Besserwisserei auch von christlicher Seite schwierig ist, ist das ein schönes Bekenntnis.», so Andreas Loos. «Der Himmel kommt auf die Erde. Der Himmel ist eine Gegenwelt, die ein Versprechen für uns ist. […] Eine Gegenwelt, die uns umarmt, die uns einlädt, die uns verwandelt.», so Thorsten Dietz.
Diskutieren Sie mit!
- Ist die Bekenntnisfreiheit in der heutigen Situation – als Minderheitskirche in einer säkularen Umwelt – noch zeitgemäss?
- Oder ist die Zeit reif, das Bekennen als gegenwärtige Sprachform des Glaubens neu zu entdecken?
- «Wie im Himmel, so im Aargau.»: Steckt im Motto der Kirchenreform ein Bekenntnis?
Zusammenfassung des Podcasts durch Claudia Daniel-Siebenmann, Leiterin Kommunikation
Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg:
‹Bekenntnisfrei›, nicht ‹bekenntnislos›!
Verfasst von Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg
Im Podcast diskutieren die beiden aus Deutschland stammenden Theologen Thorsten Dietz und Andreas Loos das Thema «Das Bekenntnis und die Freiheit». Locker-flockig, unterhaltsam und doch mit Tiefgang, unterhalten sich die beiden darüber, dass die evangelisch-reformierten Kirchen in der Schweiz ‹bekenntnisfrei› sind.
Tatsächlich sind wir in der Schweiz wieder einmal ein ‹Sonderfall›. Fast alle Konfessionen und Kirchen weltweit kennen verbindliche Glaubensbekenntnisse, die im Gottesdienst ihren festen liturgischen Platz haben und auf die ihr ordiniertes Personal verpflichtet wird. Thorsten Dietz und Andreas Loos kommen in ihrem Gespräch zum Schluss, dass es an der Zeit wäre, dass sich die Schweizer Kirchen wieder ein Bekenntnis geben. Allerdings bleiben sie recht unverbindlich in der Frage, was es denn für ein Bekenntnis sein sollte. Das Apostolische Bekenntnis zum Beispiel, das in vielen Kirchen, insbesondere bei unseren katholischen Glaubensgeschwistern seinen festen Platz hat? Oder doch das Zweite Helvetische Bekenntnis (immerhin ‹Made in Switzerland!›), das in den Reformierten Kirchen Österreichs oder Ungarns gilt?
Wenn Sie an Gottesdiensten teilnehmen, dann sind Ihnen bestimmt auch bei uns schon Glaubensbekenntnisse begegnet. So haben wir auch im Gesangbuch einen Abschnitt «Bekenntnis des Glaubens», wo unter der Nummer 263 das Apostolische Bekenntnis zu finden ist und unter der Nummer 265 die Antwort auf die erste Frage des Heidelberger Katechismus, die etliche ältere Leserinnen und Leser im Konf-Unterricht wohl noch auswendig lernen mussten. Oft zur Anwendung im Gottesdienst kommen auch die Bekenntnisse von Kurt Marti oder diejenigen aus Kappel. Kennen Sie eines dieser Bekenntnisse?
Sie merken vielleicht: Eine bekenntnisfreie Kirche wie unsere hat es mit gewissen Herausforderungen zu tun. Da ist die Gefahr der Beliebigkeit. Der Glaube wird dermassen zur Privatsache erklärt, dass ein verbindendes Bekenntnis kaum mehr eine Rolle spielt. Andererseits aber besteht auch die Chance der Vielfalt: sowohl beim Ausdruck des persönlichen Glaubens als auch beim gemeinsamen Bekennen im Gottesdienst.
Wenn Sie mich fragen: Ich bekenne mich dazu, ein Anhänger der Bekenntnisfreiheit zu sein! ‹Bekenntnisfrei› heisst nämlich nicht ‹bekenntnislos›! Bekenntnisfreiheit ist eine Aufforderung, sich als mündige Christin, als mündiger Christ mit den wertvollen Glaubensbekenntnissen auseinanderzusetzen, die im Laufe der Kirchengeschichte bis in die Gegenwart entstanden sind. Vielleicht erkennen wir dabei Gründe, weshalb uns das eine mehr anspricht und ein anderes weniger. Vielleicht kommen wir mit anderen Menschen darüber ins Gespräch. Vielleicht regt es uns an, zu überlegen, wie wir unseren Glauben bekennen würden. Da gibt es die ‹Langversion›, die sich wohl bei mir übermehrere Seiten ziehen würde. Und da gibt es die Kurzversion. Neudeutsch: der ‹Pitch›. Wie erklär ich’s jemandem, der nichts über das Christentum weiss, in 20 Sekunden? Der ist in meinem Fall recht kurz, vielleicht kennen Sie ihn schon: «Gott glaubt an Dich – Du bist frei!» Bevor ich irgend etwas hervorgestammelt habe, glaubt Gott an mich. Er befreit mich zum Leben. Das gilt auch für Dich!
Torsten Dietz und Andreas Loos erkennen übrigens in unserem Reform-Slogan ebenfalls ein Bekenntnis: «Wie im Himmel, so im Aargau». Ich freue mich, dass sie es gemerkt haben. Was denken Sie darüber? Ich lade Sie ein: Hören Sie in den Podcast hinein, und diskutieren Sie mit! Tauchen Sie ein in den Reichtum, den die Freiheit, unseren Glauben zu bekennen, uns bietet.
Verfasst von Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg

Ich denke, es wäre wirklich höchste Zeit, diesen Sonderfall (der „Bekenntnisfreiheit der Reformierten in der Schweiz) zu beenden. Ein Bekenntnis wie das Apostolicum könnte dazu beitragen, der Orientierungslosigkeit bezüglich Glauben in reformierten Kirchgemeinden etwas entgegenzusetzen. Wie viele Reformierte können heute noch sagen, was ihren Glaube ausmacht?! In EKD Gemeinden in Deutschland gehört das Rezitieren des Glaubensbekenntnisses zur sonntäglichen Liturgie, und die Gottesdienst-Gemeinde sagt es auswendig. Während ich als Besucher und Theologe versuche, dabei mitzuhalten, weil es bei uns nie ein Thema ist – und auch im Studium nicht wirklich war.
Ich würde es schätzen, wenn im Rahmen der Kirchenreform wenigstens über Varianten eines Bekenntnisses diskutiert würde mit dem Ziel, am Ende des Reformprozesses wieder eines zu haben, das über die aktuelle Kurzfomel „Wie im Himmel, so im Aargau“ hinausgeht!
Nein! – Den Glauben bekennen heißt nicht, ja sagen zu bestimmten Lehrsätzen und dogmatischen Formeln, glauben heißt Jesus nachfolgen. sich zu Jesus Christus bekennen, ja! Und dieses Bekenntnis haben wir schon in der Kirchenordnung, predigen es in jedem Gottesdienst und bekennen uns dazu mit jedem Abendmahl.
durch den vater wird alles sehr gut begründet. durch den sohn kommen wir vollends auf die welt. wenn nun wind aufkommt, werden wir nicht verweht. aber ich glaube nicht, dass alles aus einem vater hervorgeht. die schrift, aus der dieser gedanke stammt, bezeichnet sich selbst als unvollkommen (1kor 13.8ff) und sagt: „wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1joh 3.2) der vater ist für die vereinigung von allem unabdingbar. durch ihn ist sie gut begründet und umfassend. aber er ist sie nicht. durch ihn allein lebt sie nicht. so wie ein irdischer vater die familie weder ohne mutter begründen kann, noch die familie ist. das unbekannte macht sich bekannt, indem es uns bekanntes auf sich selbst projiziert. das wäre mir nicht bekannt, dass der irdische vater das ein und alles ist, von dem her alles existiert, wie auch jesus sich vom himmlischen vater her verstand. darum macht sich das unbekannte mir anders bekannt. die vereinigung von mutter und vater als gleichnis für die ebenso vollkommene wie lapidare – fairerweise jedem stein (lat. lapis) verständliche – ursprungsbestimmung „alles aus allem“. in einer echten partnerschaft kann nicht das eine aus dem andern hervorgehen. es wird gesagt, wir seien heute nicht mehr bereit, gott durch den filter einer patriarchalen gesellschaftsordnung zu verstehen. ist nicht bereits das relativ harte, aus der relativ harten haut des mannes hervorgegangene wort „gott“ durch diesen filter herausgefiltert? der podcast wurde am 04.01. publiziert. die 4 ist die zahl der ganzheit. zwar bin ich im christentum geboren, aber von verschiedenen religionen und nicht-religionen geprägt. mitunter nenne ich mich as’cherist, nach der von gott verworfenen ás’chera. alles, was an sie erinnerte, liess er vernichten. eine traumatische erfahrung für die, die von ihr her lebten. man erkennt in dieser selbstbezeichnung die fünf buchstaben „christ“. ist es nicht gerade christlich, sich nach der verlorengegangenen zu erkundigen und, wie die damaligen, nach einer vollständigeren wahrnehmung des immanent gewordenen transzendenten zu fragen? 1 heisst dann: nur eines. sich selbst ursprung. kein radikal von einem zweiten unterschiedenes erstes. du siehst beidemal dasselbe: einmal als ursprung, ein andermal als entsprungenes. die vollkommene erscheinung des vollkommenen auf der wortebene „alles in allem“, die aus der gefangenschaft in nur einer religion herausführt und mit zeit und rat ein umfassenderes bekenntnis ermöglicht, das dann vielleicht nicht mehr „bekenntnis“ heisst. es wird gesagt, junge leute suchten heute nach einer autorität, die sagt, wo es durchgeht. andererseits würden wir reformierten nach dem fragen, was in ihnen ist. bei dieser alternative geht die frage verloren: „was offenbart sich?“ zwar auch aus ihnen und aus uns, grundlegender aber aus allem.