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Gott christlich?

Foto: Gott christlich?

In den Diskussionen zum Reformprozess begegnen mir immer wieder Ängste, vor allem wenn ich mich experimentell an Neues herantaste und Altes über Bord werfe: Ja, sind wir dann noch christlich?

Ich bin nicht sicher, ob mir so viel am Etikett „christlich“ liegt. Es wird und wurde immerhin von Gruppierungen benutzt, mit denen ich lieber nicht in einen Topf geworfen werde: die Conquisdadoren, die christliche Herrschaft weltweit aufrichteten, die Inquisitoren am Beginn der Neuzeit, der Ku-Klux-Klan als Hüter der Unterschiede und Vorurteile, die Erziehungsanstalten, wo Kinder unverheirateter Mütter zwangsweise in Obhut genommen und mit Gewalt zu braven Christ:innen erzogen wurden, die Bewaffneten im Capitol im Januar 2021, die sich da zum Gebet versammelten, um die Abwahl Trumps zu verhindern, etc. etc. „Christlich“ scheint mir eher ein Begriff voller Missverständnisse und Gewalt als etwas, worauf ich stolz sein könnte.

Begegnungen mit G*tt passieren meistens ausserhalb der Kirche, und sie werden meistens nicht mit den gängigen religiösen Vorstellungen in Verbindung gebracht.

Wenn wir heute über G*tt reden, benutzen wir meistens Begriffe und Vorstellungen, die fünfhundert bis über zweitausend Jahre alt sind. „Christliche“ Begriffe. Was das mit G*ttesbegegnungen zu tun hat, die Menschen heute machen, ist für mich eine offene Frage.
Begegnungen mit G*tt passieren meistens ausserhalb der Kirche, und sie werden meistens nicht mit den gängigen religiösen Vorstellungen in Verbindung gebracht – ganz ähnlich wie etwa die Begegnung mit dem brennenden Dornbusch wenig zu tun hatte mit dem ägyptischen Tempelkult.

Wollen wir Menschen mit ihren je eigenen Begegnungen mit G*tt ernst nehmen oder wollen wir bloss die christliche Form, wie über G*tt gesprochen wird und wie Handeln nach „G*ttes Willen“ verordnet wird, weiterpflegen für das schrumpfende Grüppchen, das darin noch Sinn findet?

Für mich ist G*tt so real wie die Luft, die ich atme, und genau so unfassbar. Aber christlich ist G*tt definitiv nicht. Allenfalls ist meine Rede über G*tt von der christlichen Tradition geprägt, vielleicht auch meine Wahrnehmung von ihr beeinflusst.
Aber G*tt ist mehr.

G*tt ist G*tt. Und wie G*tt in Beziehung zu uns ist, davon kann jedes Wesen ein anderes Lied singen.
Darauf sollten wir hören.

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Verfasst von Simon Pfeiffer

Als ehemaliger Gemeindepfarrer auf der Fachstelle Pädagogisches Handeln, als miterziehender Vater in Teilzeitanstellung, als christlich geprägter Theologe mit Islamwissenschaftsstudium und Germanist mit Vorliebe für Mittelalter, Krimis und Fantasy lese und höre ich vielerlei. Gerne erprobe ich neues Wissen im Dialog. Und sehr gerne denke und spüre ich über Grenzen hinweg. Ich arbeite mit in der Arbeitsgruppe 1 "Inhalt und Botschaft".

1 Kommentar

  1. Wow! Provokativ und sehr wichtig. Mir gefällt, wie du dich öffnest und so auch verletzlich zeigst. Mögen diese Worte viele Menschen anregen weiterzudenken.

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