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Gräben in der Gesellschaft als Folge des Lockdown

Von Taufen wird aufgrund der Ansteckungsgefahr und der Hygienevorschriften vorläufig noch abgeraten. (Taufe durch Martin Kuse)
Von Taufen wird aufgrund der Ansteckungsgefahr und der Hygienevorschriften vorläufig noch abgeraten (Taufe durch Martin Kuse)

Vor einigen Wochen habe ich mich gefragt, wie es wohl sein werde: ob schon bald alles wieder vorbei sein wird, oder ob sich so etwas wie eine Corona-Routine einstellen wird. Heute stelle ich Es ist eher das Zweite eingetroffen. Trotz erster Lockerungen des Lockdown sind wir weit von einem normalen Alltag entfernt. Gleichzeitig haben wir uns weitgehend an die Verhaltens-, Abstands- und Hygieneregeln gewöhnt. Wir haben uns mit technischen Hilfsmitteln vertraut gemacht und kommunizieren gewandt auf verschiedenen Kanälen der so genannt «sozialen» Medien.

Menschen sind sehr unterschiedlich betroffen
Zunehmend werden aber Stimmen laut, die ihren Unmut über die von den Behörden auf Bundes- und Kantonsebene erlassenen Bestimmungen äussern. Auch zum Kirchenrat dringen Stimmen, die sich eine Kirche wünschen, die sich aktiver für eine schnelle Öffnung einsetzt. Sie weisen zudem auf die Not einsamer älterer Menschen hin und auf die wirtschaftliche Not von Selbständigen sowie kleinen und mittleren Unternehmen. Es gibt zum Beispiel viele Jugendliche, die jetzt keine Lehrstelle finden, Erwerbslose, die keinen neuen Job finden. Unternehmen, deren Auftragsbücher leer sind. Kein Zweifel: Der Wirtschaftsmotor stottert, und das ist kein abstraktes Zahlenspiel. Betroffen sind Menschen, denen die Einkünfte wegbrechen, die ihre Mieten, Krankenkassenprämien und Steuerrechnungen nicht mehr zahlen und deren Zukunftspläne hinter dem Horizont verschwinden. Mit Fug und Recht kann man sagen, dass diese Menschen den wirtschaftlichen Preis des Lockdowns, zumindest einen grossen Teil davon, bezahlen. Langsam mehren sich die Stimmen, zum Teil differenziert und faktenbasiert, zum Teil aber auch undifferenziert, die und unter Rückgriff auf obskure Verschwörungstheorien, dafürhalten, dass alles übertrieben sei. Vereinzelt wird gegen die Einschränkung der Freiheitsrechte, die mit dem Corona-Lockdown verbunden ist, demonstriert. Gesundheitsschutz wird gegen das Recht auf Freiheit und gegen die wirtschaftlichen Kosten dieser ausserordentlichen Lage abgewogen.

«Es werden sich Gräben in Gesellschaft auftun, die nicht nur die Deutung der Corona-Krise betreffen, sondern auch und besonders auf die handfesten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen zurückzuführen sind.»

Das «Präventionsparadox» und andere Folgen
Wenn ich diese Diskussionen verfolge, bin ich überzeugt, dass uns nach der Krise grosse Herausforderungen beschäftigen werden. Eine davon heisst im Fachjargon «Präventionsparadox»: Wenn die Prävention durch die von den Behörden angeordneten Massnahmen Wirkung zeigt, werden wir vergleichsweise wenige Krankheits- und Todesfälle aufgrund des Corona-Virus zu verzeichnen haben. Und man wird nie sagen können, wie viele Todesfälle durch die Einhaltung dieser Massnahmen verhindert werden konnten. Man wird über New York reden, Norditalien oder Schweden, aber man wird nie sagen können, was genau die Präventionsmassnahmen in der Schweiz bewirkt oder verhindert haben. Es wird deshalb immer Menschen geben, die sagen, es sei alles übertrieben gewesen. Und man wird sie ernst nehmen müssen, denn viele unter ihnen haben in wirtschaftlicher oder sozialer Hinsicht einen enormen Preis bezahlt: Sie fanden keine Lehrstelle, keinen neuen Job oder mussten ihr kleines Geschäft aufgeben und haben damit viel Geld verloren. Es werden sich Gräben auftun in unserer Gesellschaft, die nicht nur die Deutung der Corona-Krise betreffen, sondern auch und besonders auf die handfesten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen zurückzuführen sind.

Folgen auch für die Kirchgemeinden und Mitarbeitenden
Auch als Mitarbeitende, Ehrenamtliche und Freiwillige in der Kirche wird uns dieses Thema noch lange beschäftigen. Die einen sind persönlich und direkt betroffen zum Beispiel von Einkommensverlust und oder Arbeitslosigkeit, andere werden in ihrer seelsorgerlichen oder diakonischen Arbeit damit konfrontiert. Wir werden Finanzpläne nach unten korrigieren müssen. Das alles wird uns stark fordern. Unser Kirche-Sein wird sich dann bewähren müssen und bewähren können. Die Solidarität wird sich dann nicht im Applaus auf dem Balkon erschöpfen dürfen. Ich hoffe fest und von Herzen, dass wir diese Gräben überwinden werden, und dass wir unsere Hände – endlich – wieder ausstrecken, dass wir wieder – bildlich und wörtlich – zusammenrücken, um glaubwürdig, ansteckend und freudig Kirche zu sein.

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3 Kommentare

  1. es geht auch um die frage nach der wahrheit. ich finde, vieles geschieht, auch abgesehen von der gegenwärtigen krise, weil wir den tod nicht verstehen. muss der tod so sehr abgewendet und hinausgeschoben werden? dann der tod während des lebens, der leben ist. ein anderes, weniger klimabelastendes und pandemieverbreitendes leben.

  2. Danke für die anregenden Gedanken! – Die Hygieneschutzmassnahmen wurden bezeichnet als ‚social distancing’ [dabei wär m.E. ‚physical distancing‘ zutreffender]. Wenn sich – wie im Text vermutet, Gräben auftun, ja dann haben wir wirklich ‚social distancing‘, & je nach dem, welchen Reim wir uns zu machen versuchen [was hat die CoViD-geschichte zu bedeuten?], sehe ich auch ein Risiko für ‚spiritual distance‘, wenn einzelne Gott dafür einspannen & u.U. instrumentalisieren, zB „Gott hat dieses Virus gesandt, um die Menschen (~die andren) zur Besinnung zu bringen.“ – Als Erklärungsansatz verständlich, aber mehr als heikel. Statt mit dem Präventionsparadox hätten wirs dabei ev mit ‚Vereinfachungssucht‘ zu tun (?)

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