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Handlungsspielraum dank Zusammenschlüssen

Pinwand mit zahlreichen farbigen Zetteln
Das Board hilft dem Prozessleitungsteam den überbick über die laufenden geschäfte der Kirchenreform zu bewahren.

verfasst von Marc Zöllner, Prozessleitungsteam der Kirchenreform

Eine Kirchenpflege muss entscheiden: Sozialdiakonie von 60 auf 40 Prozent kürzen und dafür die Jugendarbeit streichen? Die vakante Pfarrstelle bleibt unbesetzt, weil sich keine geeignete Person bewirbt. Die Kirchensteuereinnahmen sinken, die Gebäudekosten steigen. Diese Situation wiederholt sich in vielen Kirchgemeinden: Man reagiert mit Kürzungen nach dem Giesskannenprinzip. Von allem gibt es weniger – Stellenprozente, Angebote, Öffnungszeiten. Das Resultat: strukturelle Erschöpfung statt zukunftsfähige Neuausrichtung.

Handlungsfähigkeit erhalten, solange Gestaltungsspielraum besteht

Die zentrale Frage lautet nicht, ob Veränderungen kommen. Sie kommen so oder so. Die Frage ist: Gestalten Kirchgemeinden diese Veränderungen aktiv, oder werden sie fremdbestimmt? Wer Zusammenschlüsse kategorisch ablehnt, verliert schleichend die Fähigkeit, kirchliches Leben selbst zu gestalten. Stellenabbau und Gebäudeverkäufe werden dann zu einem späteren Zeitpunkt von äusseren Zwängen diktiert statt von strategischen Überlegungen.

Zusammenschlüsse hingegen schaffen Handlungsspielraum – vor allem, wenn sie gross gedacht werden. Eine Kirchgemeinde mit 15 000 Mitgliedern kann Schwerpunkte setzen, gezielt investieren und Stellen erhalten. Sie kann attraktive Anstellungsbedingungen bieten – Wahlmöglichkeiten beim Pensum, Teamarbeit statt Einzelkämpfertum, kreative Gestaltungsfreiräume. Das macht sie für qualifizierte Fachkräfte interessant.

Ehrenamtliche entlasten statt überfordern

Eine Kirchenpflege sucht seit zwei Jahren ein Mitglied für das Präsidium, wird aber nicht fündig. Die verbliebenen Mitglieder teilen sich die Aufgaben notdürftig auf, neben Beruf und Familie. An strategische Arbeit ist kaum zu denken – die operative Bewältigung des Alltags frisst alle Energie.
Grössere Strukturen dagegen entlasten Ehrenamtliche. Die Kirchenpflege konzentriert sich auf strategische Entscheidungen, eine professionelle Geschäftsstelle übernimmt Administration, Personal und Liegenschaften. Freiwillige engagieren sich dort, wo ihre Talente liegen – nicht nur dort, wo gerade dringend Hilfe gebraucht wird.

Nähe entsteht durch Beziehungen, nicht durch Grenzen

Der häufigste Einwand gegen Zusammenschlüsse lautet: «Wir verlieren die Nähe zu unseren Mitgliedern.» Doch ein Sekretariat, das wöchentlich einen halben Tag geöffnet ist, bietet weniger Nähe als eine zentrale Verwaltung mit täglichen Präsenzzeiten. Gottesdienste, Religionsunterricht und Seelsorge finden weiterhin vor Ort statt. Gleichzeitig ermöglichen grössere Strukturen neue Formen: thematische Arbeitskreise, die sich an Bedürfnissen orientieren statt an Ortsgrenzen.

Kleine Strukturen sind oft teurer als grosse

Die kleinsten Kirchgemeinden haben tendenziell die höchsten Steuerfüsse. Sie tragen wie grosse Gemeinden die Kosten für Verwaltung, Gebäudeunterhalt und Mindestausstattung, verteilen diese aber auf weniger Mitglieder. Überregionale Zusammenschlüsse nutzen Synergieeffekte: Zentrale Verwaltung, professionelle Immobilienstrategie und strategische Personalplanung machen Ressourcen frei für kirchliches Leben.

Aktiv mitgestalten, statt passiv geschehen zu lassen

Die Entwicklung ist absehbar: Mitgliederzahlen sinken, finanzielle Spielräume werden enger, der Personalmangel verschärft sich. Kirchgemeinden, die jetzt handeln, können diese Entwicklung noch aktiv gestalten. Sie entscheiden, welche Standorte sie langfristig erhalten wollen, welche Angebote Priorität haben, wie sie Ressourcen einsetzen.

Wer wartet, bis äussere Zwänge das Handeln erzwingen, hat diese Wahlfreiheit verloren. Überregionale Zusammenschlüsse sind keine Lösung aller Probleme und keine kurzfristige Einsparmöglichkeiten. Aber sie schaffen den Rahmen, in dem Kirchgemeinden auch künftig gestaltungsfähig bleiben.

Diskutieren Sie mit!

  • Wenn Ihre Kirchgemeinde lokal nur noch ein einziges Angebot finanzieren könnte, welches Angebot wäre das?
  • Welches Angebot oder welcher Schwerpunkt Ihrer Kirchgemeinde kann auch überregional Anziehungskraft entfalten?

verfasst von Marc Zöllner, Prozessleitungsteam der Kirchenreform

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Eingestellt von Informationsdienst der Landeskirche

Der Informationsdienst der Landeskirche, Claudia Daniel-Siebenmann und Barbara Laurent, leiten und administrieren den Blog der Reformierten Landeskirche Aargau.

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