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Leben in der Quarantäne

von Christoph Weber-Berg
von Christoph Weber-Berg

Auch diesen Monat komme ich nicht um das dominante und allgegenwärtige Thema herum. Ich muss seinen Namen gar nicht nennen. Sie sehen es diesem a+o (Mai 2020) an, sie sehen es Ihrer Tageszeitung an, sie merken es an den Gesprächen, die sie auf Distanz oder via Telefon oder Skype und Konsorten führen. Das Thema ist einfach da – und irgendwie doch nicht.

Geht es Ihnen auch so? Es bleibt für mich merkwürdig abstrakt. Gott sei Dank, kann ich nur sagen: ich bin gesund. Ich sitze hier in meinem Heimbüro, und draussen scheint seit mehr als vier Wochen die Sonne. Das Grün leuchtet zart und kräftig zugleich, die Blüten der Obstbäume und der wilden Kirschen im Wald erschienen mir noch selten so schön. Die Quarantäne hat mir ausserdem neue Dinge ermöglicht und die Augen geöffnet für vieles, was in einem «normalen» Frühling nicht ganz, aber fast unbeachtet an mir vorbeigezogen wäre.

Auf unzähligen Morgen- und Abendspaziergängen habe ich den Frühling so
intensiv erlebt wie nie seit meiner Kindheit. Auf diesen Spaziergängen hatte ich  intensive und wichtige Gespräche mit meiner Frau. Oder ich führte – allein unterwegs – innerlich Selbstgespräche und musste mich wohl oder übel mit mir selbst beschäftigen.

Nach mehr als vier Wochen Homeoffice sehne ich mich nach Kontakten zu meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Stritengässli, nach engagierten Gesprächen an Sitzungen und Tagungen. Aber ich glaube, dass ich gewisse Dinge auch vermissen werde, wenn alles vorbei ist.

Wann sonst nehme ich mir die Zeit für morgendliche Waldspaziergänge?
Wann sonst – ausser in den Ferien – verbringe ich so viel Zeit mit meinen
Liebsten? Wann sonst habe ich so viele Abende ohne Sitzungen, ohne Anlässe
und Veranstaltungen – und dafür Zeit, auf dem Staufberg das Abendlicht zu geniessen, mich in ein Buch oder ein spannendes Magazin zu vertiefen. Ganz zu schweigen von der Chance, mich für eine der drei letzten Möglichkeiten zu entscheiden, und dann trotzdem über den Gartenzaun einen langen Schwatz mit Nachbarn zu führen.

Ich will keineswegs die Quarantäne zu einem Glückszustand stilisieren. Aber etwas von dem, was ich in dieser Zeit wiederentdeckt habe, möchte ich in die Zeit danach mitnehmen. Ich möchte den Blick für das Wunder des Lebens nicht nur im Frühling, sondern auch im Sommer, im Herbst und im Winter schärfen, in Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer.

Ich möchte mehr Zeit in diejenigen Beziehungen investieren, die mir wirklich wichtig sind, und auf die ich nicht nur während der Zeit einer für mich abstrakten Bedrohung zählen kann, sondern auf die ich ganz gewiss auch zählen könnte, wenn ich selbst in Not geraten würde. Die vergangenen Wochen haben mir die Augen geöffnet für die Tatsache, dass all das Gute, was mich in diesem Leben trägt, einerseits äusserst wertvoll und andererseits unverfügbar ist. Das ist im Grunde eine banale Einsicht, sie war mir eigentlich schon vor der Quarantäne bekannt. Aber ich habe sie neu entdeckt. Und ich hoffe, dass sie mir als wertvolles «Bhaltis» aus dieser Zeit erhalten bleibt.

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1 Kommentar

  1. seit gut vierzig jahren befinde ich mich im sitzstreik gegen die überbordende mobilität. der übergang in den lockdown war darum fast übergangslos. am ersten sonntag eröffnete ich mit acht stunden sitdown. im lostussitz ohne, genauer gesagt, mit dem menschen eingebautem, bis zu den knien reichendem sitzkissen, zeitweise wie ein luftkissen. ein symbol für das nicht zuviel. aber auch davon nicht: dynamis kai sophia, wie das neue testament sagt: dynamik, aber auch weisheit.

    alles
    woraus alles kommt
    erweist sich als
    alles

    ein ast bewegt sich im wind
    ein vogel landet auf einem baum
    die allwirksamkeit
    die wirksamkeit des alls
    überall

    schöpfer?
    den ursprung
    wenn doch personal
    sehe ich eher in der vereinigung
    von schöpferin und schöpfer

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