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«Mini Farb und dini…»

Foto: «Mini Farb und dini…»

Mein Nachbar ist Hundenarr. Eine Bekannte hat 8’000 Follower auf Instagram. Eine Frau die im selben Unternehmen wie ich arbeitet heisst Huihui und kommt aus China. Ein Mitarbeiter in meinem Team ist Veganer. Mein anderer Arbeitskollege geht täglich vor sechs Uhr morgens eine Stunde ins Fitnessstudio. Mein Chef trinkt täglich ein Red Bull. Ein guter Freund von mir lebt mit einem Mann zusammen. Ein weiterer guter Freund ist seit 15 Jahren Rollstuhlfahrer. Meine beste Freundin ist sie Schnellste im Tastaturschreiben. Meine Schwester hat das Singen zu ihrem Beruf gemacht. Mein kleiner Bruder ist zwei Meter gross. Papi hat immer gern die «Musikwelle» gehört. Mami kommt zu jedem Zeitpunkt mit allen ins Gespräch. Ich arbeite in einem Jobsharing-Modell, habe viele Tätowierungen und bin Kirchengemeindemitglied.

Die Liste könnte ich endlos weiterführen. Wir alle sind wunderbar einzigartig mit unzähligen Facetten, in der Persönlichkeit, Fähigkeiten und Vorlieben. Und doch teilen wir einige der Merkmale mit anderen Menschen. Viele – ich würde sogar behaupten – wir alle gehören doch zu irgendeiner Gruppe von Gleichgesinnten mit gleichen oder gleichartigen Interessen und haben somit zumindest eines von vielen weiteren und individuellen Merkmalen gemeinsam. Dort, bei dieser Gruppe, in dieser Gemeinschaft fühlen wir uns wohl. Wir gehören dazu. In Gemeinschaften entstehen viele tiefe und bedeutsame Beziehungen, der Alltag wird geteilt und man ermutigt sich gegenseitig. Sie schaffen die Räume, in denen wir selbst sein können, ein sicherer Ort, um Siege und Versagen, Freude und Enttäuschungen zu teilen.

Um «Zugehörigkeit» und die Fragen zu unserem Thema zu erfassen ist es wohl notwendig sich zunächst mit der Vielfalt, Diversität (engl. «Diversity») der Gesellschaft auseinanderzusetzen.

Diversität

Dieser Tage ist das Thema Vielfalt insbesondere in Unternehmen und Institutionen in aller Munde. Vielerorts wird das Buzz-Wort «Diversity» recht einseitig eingesetzt: Im Rahmen von Berichten rund um das Thema «Geschlecht und sexuelle Orientierung». Es werden Fahnen herausgehängt und Logos umgefärbt, spezielle Produkte produziert und angeboten, um mit dem aktuellen «Regenbogentrend» mitzuschwimmen.

«Man kann nicht nicht kommunizieren» sagte einst Paul Watzlawick. So ist auch die «herausgehängte Regenbogen-Fahne» eine Kommunikation. Nur: Was wollen mir diese Unternehmen damit mitteilen? Was steckt dahinter? Denn auf der Webseite vieler dieser Firmen und in der Kundenkommunikation ist jedoch nicht ersichtlich, warum sie das machen. Oder beispielsweise stehen bei Kontaktdaten-Eingabe-Feldern wie eh und je «Herr» oder «Frau» zur Auswahl. Ist das dann nicht irreführend? Stimmt dann das Tun der Firma mit der Überzeugung der Organisation überein? Ich bin nicht gegen den Regenbogen per se, sondern dagegen, wenn dieser total random und aus Imagegründen und damit auch aus wirtschaftlichen Gründen in der Kommunikation eingesetzt wird. Denn das entspricht nicht dem Grundgedanken: Mit dem Pride-Month (im Juni) macht die LGBTQ+ -Gemeinschaft auf sich aufmerksam.

In Wikipedia wird Diversität wie folgt erklärt: «Diversität von Personen wird klassischerweise auf folgenden Ebenen betrachtet: Alter, ethnische Herkunft und Nationalität, Geschlecht und Geschlechtsidentität, körperliche und geistige Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung und Identität sowie soziale Herkunft.»

«Diversität bezeichnet Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen oder Gruppen. Diese lassen sich auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene betrachten und betreffen alle Menschen, nicht nur einzelne Gruppen.»

Bei meiner Recherche bin ich auf ein Modell gestossen. Auf einfache Weise wird damit systematisch die menschliche Vielfalt veranschaulicht. Das Diversity-Rad (Four Layers of Diversity). Es hilft dabei Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Menschen zu erfassen und greifbar zu machen.

Quelle: Gardenswartz and Rowe https://www.gardenswartzrowe.com/why-g-r

Die «Diversity-Bewegung» zeigt uns auf wie wunderbar individuell «zusammengebaut» sind und wie viele Gemeinsamkeiten wir dabei doch haben. Kein Wunder ist die Gesellschaft dann auch so vielfältig! Und die Diskussion ist wohl notwendig, um uns ins Bewusstsein zu rufen, dass Gott uns alle, die gesamte Menschheit, liebt.

Hierzu fallen mir gleich zwei Lieder ein, die mich in der Sonntagsschule und in der Jungschi begleitet haben: «Mini Farb und dini…» und «Vergiss es nie…».

Inklusion

Im Zusammenhang mit Vielfalt und unserem Thema «Zugehörigkeit» möchte ich mich nun mit dem Begriff «Inklusion» beschäftigen. Inklusion ist das Gegenteil von Exklusion und bedeutet somit, dass jemand eingeschlossen, berücksichtigt und einbezogen wird. Damit ist Inklusion doch irgendwie eine logische Folge von der Vielfalt, oder nicht? Erst recht im christlichen Denken und Handeln.

«Welche Bedeutung kann die Reformierte Kirche für Menschen ausserhalb der Kirche haben?»

Und die Inklusion ist mit einer Handlung verbunden. Als landeskirchliche Gemeinschaft müssen wir also etwas tun, handeln, damit sich «die Menschen ausserhalb» sich inkludiert, zugehörig fühlen:

Die Kirche «öffnet die Türen, wenn jemand anklopft». Das ist nicht genug: Wir müssen die Türen öffnen ohne dass angeklopft werden muss. Wir müssen sie weit öffnen, rausgehen und die Menschen aktiv dazu bringen dazugehören zu wollen. Wir müssen beweisen, dass wir im Stande sind, für die individuellen Anliegen und Bedürfnisse der Menschen ein offenes Ohr zu haben und diese auch erfüllen zu können.

 

Verfasst von Sandrine Knechtli

Dauer-Optimistin, Frohnatur mit leicht sarkastischen Zügen, Handwerkers-Tochter und Marketing-Kommunikations-Spezialistin, Aarau-Lover, Mitglied der Synode seit 2019. Ich stehe auf Design, Tattoos, Fernsehen und Pasta. Und ich bleibe neugierig. Ich arbeite in der Arbeitsgruppe 4 «Zugehörigkeit» der Kirchenreform 26/30 mit.

3 Kommentare

  1. Liebe Sandrine, danke für den erfrischenden, wohltuenden Artikel. Du hast das treffend geschrieben. Eine Kirche, die deine Gedanken lebt, ist in unserer Zeit mehr denn je nötig.
    Frohe Grüsse aus der Berner Kirche Hans Zaugg, Pfarrer in Thun-Strättligen

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