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Mut statt Zaudern

Gestern Abend sass ich berührt und bewegt in der Premiere des Zwingli-Films. Und logisch: Es kam, das Zitat,das ich in meiner Januar-Kolumne fast
an den Schluss gestellt hätte. «Jetzt tut um Gottes Willen etwas Tapferes». Zwingli, im Film historisch korrekt wiedergegeben, sagte es zum zögernden
Zürcher Stadtrat, als sich 1531 abzeichnete, dass sich die Innerschweizer, 7000 Mann, schwer bewaffnet, Richtung Zürich aufmachen würden.
«Diese Tapferkeit brauchen wir nicht» schrieb ich vor einem Monat, und ich stehe im Grundsatz immer noch dazu: Tapferkeit, die um des rechten Glaubens Willen in den Krieg zieht, dürfte es gar nicht geben.

Beschämt im Kinosessel
Dennoch schämte ich mich gestern Abend im bequemen Kinosessel, mit Züritirggel (darauf Zwingli abgebildet) und Mineralwasserfläschli ausgerüstet,
doch fast ein wenig vor Ulrich Zwingli. Meine Tapferkeit in Glaubenssachen ist ja noch nie wirklich auf die Probe gestellt worden. Sie beschränkte sich in meinem bisherigen Leben etwa auf Situationen wie die, dass ich einem alten Schulkollegen selbstbewusst entgegentrete, der in ungläubiges Gelächter ausbricht wenn ich ihm sage, dass ich Pfarrer geworden bin. Auf einer Skala von 1–100 wäre ich wohl etwa bei 0,000001 im Vergleich zur Tapferkeit, die gefordert ist, wenn es um die Frage geht, was zu tun sei, wenn der Stadt Feuer, Verwüstung und Elend, und einem selbst der Tod auf dem Scheiterhaufen droht. Ich kann und will mir gar nicht vorstellen, was das heisst.

Wegen Glauben verfolgt
Was ich aber weiss ist, dass es auch heute täglich Menschen gibt, die wegen ihres Glaubens an Leib und Leben bedroht sind. Was würde ich ihnen raten? Diese Frage muss mich sehr bescheiden machen, denn sie entlarvt mich als ratlos. Was ich auch weiss ist, dass ich ohne Menschen wie Zwingli und Bullinger, und ohne die Zürcherinnen und Zürcher von 1531, ohne Menschen in der damaligen Schweiz und in Europa, die tapfer genug waren, um aus Zwinglis Ideen eine Bewegung von Menschen, unsere Kirche, entstehen zu lassen; ohne sie wäre ich gestern nicht im Kino gewesen und ich sässe heute nicht in meinem Büro. Ich wäre nicht Pfarrer geworden. Möglicherweise wäre ich gar nicht geboren worden, weil die Geschichte einen ganz anderen Verlauf
genommen hätte. Die Schweiz – so sie denn überhaupt existierte, sähe vollkommen anders aus.

Auf mildes Urteil angewiesen
Im Zwingli-Film ist mir wieder einmal klargeworden, was ich im Prinzip wissen sollte: Als Nachgeborener sollte ich nicht über diejenigen urteilen, die
vor uns waren. Sicher ist: auch unsere Generation, auch ich in meiner Aufgabe: wir sind auf ein mildes Urteil derer angewiesen, die nach uns kommen. Wer weiss: Vielleicht schreibt eine oder einer meiner Nachfolgerinnen oder Nachfolger über mich: «Nein, diese Form von Mutlosigkeit, die brauchen wir nicht». Vielleicht fehlt es uns an Tapferkeit in Glaubenssachen. Wir müssen deswegen – Gott sei Dank! – nicht in den Krieg ziehen. Aber Zögern und Zaudern hilft der Kirche in unserer Zeit auch nicht weiter. Mancherorts sind mutige Schritte gefordert. Unser beherztes Handeln als Christinnen und Christen heute wirkt sich auf die Kirche und auf die Menschen von morgen aus. Hierin kann ich mir Zwinglis Ermahnung sehr wohl zu Herzen nehmen, und ich lasse sie diesmal (fast) ohne Nachgedanken (fast) am Schluss stehen: «Jetzt tut um Gottes Willen etwas Tapferes».
Aber die Hellebarden und Schwerter lassen wir im historischen Museum. Denn auch und gerade im Konflikt mit Andersdenkenden und Andersgläubigen
wird man erkennen können, wie ernst es uns mit dem Evangelium ist, das die Grundlage für Zwinglis Reformation war.

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3 Kommentare

  1. Ein interessantes Gedanken- und Wortspiel. Schade dass eine wesentliche Frage fehlt. „Ist die Kirche“ als Ursache der Kriege usw. noch zeitgemäss“?
    Müsste „man“ nicht dahin denken etwas „tapferes um Gottes Willen tun“, wo wirklich Not herrscht? Nämlich in der Struktur Kirche. Eine weitere Reformation steht wohl an. Wo „Kirchen“ sich verändern, denke ich, „tut sich auch etwas Tapferes“.

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