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Neuer Wein, alte Schläuche?

Foto: Neuer Wein, alte Schläuche?
Drohnenaufnahme Lutz Fischer

verfasst von Claudia Daniel-Siebenmann, Leiterin Kommunikation

Im Kirchenreformprozess wird in verschiedenen Gruppen diskutiert, wie die Kirche zukünftig aussehen könnte. Man hört Zuspruch und Kritik; Unterstützung und Abwehr. Und dabei ist mir aufgefallen: Steht ja schon alles in der Bibel. Die Diskussionen heute sind im Grundmuster ja ganz gleich wie damals.

Matthäus 9,14-17: «Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel, deine Jünger aber fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Können die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen sein wird, und dann werden sie fasten. Niemand aber setzt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid, denn der Flicken reisst von dem Kleid, und der Riss wird schlimmer. Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreissen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.» Im Markus- und Lukasevangelium steht der Text auch. Und Lukas ergänzt noch einen Satz: «Und niemand, der alten trinkt, will sogleich neuen; denn er spricht: Der alte ist besser!» (Lk 5,39).

So, was ist denn da eigentlich passiert? Unmittelbar vor dieser Textstelle hatte Jesus mit den Zöllnern und den Sündern gemeinsam gegessen. Und da wird es den Pharisäern und den Jüngern des Johannes offensichtlich zu viel. So geht’s ja jetzt wirklich nicht. «das haben wir noch nie so gemacht», sagen sie. Das geht bei uns nicht, das widerspricht unserer Kirchenordnung! Äh, nein Entschuldigung: nicht Kirchenordnung. Das widerspricht unseren Gesetzen und Reinheitsgeboten haben sie wohl damals gesagt. Aber das Argument ist heute wie damals dasselbe: Jesus, jetzt bist du also wirklich zu weit gegangen. Du bist viel zu oberflächlich, viel zu liberal, Du achtest die Traditionen viel zu wenig. Auch diese Argumentation kann man in den Diskussionen heute oft hören.

Und was antwortet Jesus darauf? Er sagt: «Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die Kranken.» und «Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Busse.» Er sagt damit, dass das, was äusserlich liberal erscheinen mag, im inneren eine ganz andere Absicht hat. Jesus hat nicht die Absicht, Werte, Normen und Traditionen aufzuweichen (siehe Mt 5,18), aber er hat die Absicht, die Menschen zu erreichen. Und das tut er auf unkonventionellem Weg. Und die Pharisäer und die Jünger des Johannes stören sich daran.

Hier in den ersten Zeilen des Textes steckt eigentlich ein unausgesprochener Vorwurf drin: «Jesus, du kannst gar nicht der Messias sein!» Die Jünger des Johannes und die Pharisäer sagen: «wir fasten; ihr aber fastet nicht.», sie meinen damit «wir sind doch viel frommer als du und deine Jünger. Also kannst Du nicht der Messias sein.»

Ist Euch das auch aufgefallen: In diesem Text stellen sich die Jünger des Johannes und die Pharisäer als eine Gruppe, mit dem gleichen Anliegen dar. In der Parallelstelle bei Markus wird diese Einigkeit noch deutlicher hervorgehoben. Und das ist doch merkwürdig. Johannes der Täufer und die Pharisäer waren ja eigentlich keine Freunde.

Im Gegenteil, Johannes der Täufer hatte die Pharisäer früher sogar sehr harsch kritisiert und sie sogar als Schlangenbrut bezeichnet (Mt 3,6-14). Jesus hingegen steht er sehr positiv gegenüber und sagt über ihn: «Der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, sodass ich nicht würdig bin, ihm die Schuhe zu tragen.» (Mt 3, 11) Johannes der Täufer hatte Jesus als Bräutigam bezeichnet (Joh 3,29-30). Was das zu bedeutet hat, war damals jedem klar: «Jesus ist der Messias». Das hatte Johannes über Jesus gesagt. Und auch die Beziehungen zwischen den Jesus-Jüngern und den Johannes-Jüngern waren recht eng. Einige der Jünger Jesu waren früher selbst mit Johannes umhergezogen. Die Grenzen zwischen den beiden Gruppen waren fliessend (Joh 1, 35-42).

Und jetzt stehen also da am Anfang von unserer Textstelle die Johannesjünger gemeinsam mit den Pharisäern. Das ist ein Mechanismus, den man bei Reformen, bei Neuausrichtungen, häufig beobachten kann: Merkwürdige Allianzen bilden sich. Personen oder Gruppen, die eigentlich verfeindet sind, verbünden sich – aus unterschiedlichsten Motiven – und stellen sich gegen das Neue. Meist ohne genau verstanden zu haben, was das Neue eigentlich will, sie beurteilen es aufgrund ihrer eigenen Schriften und Traditionen ohne das wirkliche Anliegen des Neuen zu verstehen. Sie stellen das Neue ganz grundsätzlich in Frage, indem sie Jesus vorwerfen: Du kannst gar nicht der Messias sein.

Und was antwortet Jesus auf den Vorwurf? Er antwortet in seiner Gegenfrage mit dem Bild des Bräutigams und erinnert die Johannesjünger daran, was Johannes ihnen selbst gesagt hatte. Er stellt damit klar: Ich bin der Messias. Und um das zu unterstreichen heilt er im Anschluss die blutflüssige Frau und weckt die Tochter des Jairus wieder von den Toten auf (Mt 9,18-34; Jesus beantwortet damit die Frage, die Johannes später selbst stellen wird: siehe Mt 11, 1-5).

Bevor er das tut, erzählt er aber das Gleichnis. Es ist eigentlich ein Doppelwort: zuerst das Gleichnis mit dem Flicken, dann das Gleichnis mit dem Wein. Beides hat eigentlich genau die gleiche Aussageabsicht. «Niemand aber setzt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid, denn der Flicken reisst von dem Kleid, und der Riss wird schlimmer. Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreissen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, so bleiben beide miteinander erhalten.»

Im griechischen Text steht hier eigentlich nicht «neues Tuch», sondern «ungewalkter Stoff». Jemand der gern Handarbeiten macht, weiss, wie solcher Stoff aussieht: bevor er gefilzt bzw. gewalkt ist, ist es praktisch lose Wolle, einzelne Fäden. Die haben noch keine feste Form. Sie sind also gänzlich ungeeignet, um damit einen Riss flicken zu wollen.

Genauso ist es mit dem jungen Wein: er ist noch gänzlich unausgegoren. Unfertig. Er sprudelt und blubbert noch. Und jeder, der gern Sauser trinkt, weiss, das kann ziemlich Blähungen und Durchfall geben. Das ist nicht wirklich bekömmlich. Wie das neue Tuch hat der junge Wein noch nicht seine reife, stabile Form gefunden. Er gärt noch. Er ist noch nicht rein und geklärt. Da arbeiten noch jede Menge Mikroorganismen und Hefe drin. Der Druck der Gärung würden die alten Schläuche, die schon etwas ausgehärtet sind, zerreissen.

Interessant ist, dass das Wort «neu» hier in dieser Textstelle in Matthäus 9,17 zum ersten Mal im Neuen Testament vorkommt. Und dass das Junge, das Neue, das was Aufbricht, als etwas beschrieben wird, was noch nicht stabil ist. Es hat seine definitive Form noch nicht gefunden. Daher ist das Neue gar nicht geeignet, um das Alte zu flicken.

Genau das – das Flicken – war das Anliegen der Pharisäer: sie wollten den jüdischen Glauben erneuern. Durch Beten und Gesetzestreue. Deswegen sind sie empört, als Jesus das Gesetz bricht. Sie verstehen es nicht. Sie gehen davon aus, dass man das Alte nur intensiver und besser machen muss, um es wiederzubeleben – auch das ein Argument, welches man bei Diskussionen zur Kirchenreform oft hören kann. Aber Jesus geht es nicht um die Erneuerung des Alten. Er ist gesandt, um etwas komplett Neues zu schaffen.

Jesus geht es dabei auch nicht darum, das Alte abschaffen zu wollen. Im Gegenteil! Das ist noch wichtig: wenn man genau liest, dann merkt man, dass in den beiden Worten sogar eine Sorge um das Alte spürbar wird «sonst wird der Riss im alten Kleid schlimmer», «sonst sind die alten Schläuche verdorben.» Jesus begegnet dem Alten durchaus mit Wertschätzung. Er will niemandem etwas wegnehmen. Das Alte soll erhalten bleiben. Er hat Verständnis dafür, dass Viele sagen, der alte Wein sei bekömmlicher.
Es geht ihm nicht darum, das Neue gegen das Alte auszuspielen. Jesus sagt einfach: das Neue ist nicht geeignet, um das Alte zu flicken oder wiederzubeleben. Das Neue existiert für sich selbst, hat einen eigen Zweck, ein eigenes Ziel. Diese Botschaft richtet Jesus direkt an die Johannesjünger, die im Zwischenraum stehen und unsicher sind: sollen sie beim Alten – bei den Pharisäern – bleiben oder sollen sie dem Neuen folgen? Jesus sagt ihnen hier: Entscheidet Euch. Beides das geht nicht. Entweder – oder. Ganz oder gar nicht. Das Neue und das Alte sind unvereinbar. Er sagt das ohne Überheblichkeit. Es ist einfach eine Feststellung.

Es ist ein Bruch, den Jesus da benennt. Hart daran ist, dass Jesus den Bruch nicht abmildert oder abschwächt oder seinen Zuhörerinnen und Zuhörern eine Brücke baut. Das tut er nicht. Er mutet ihnen den Bruch einfach zu. Jesus gibt an dieser Stelle auch keine Richtung vor. Er sagt nicht «Amen, amen ich sage Euch, wer nicht vom neuen Wein trinkt, usw.…». Nichts in dieser Art. Er lässt das komplett offen.

Und was machen wir jetzt damit? Was haben die Menschen damals damit gemacht? Die Wege zwischen Judentum und Christentum haben sich damals getrennt – nicht so friedlich und wertschätzend, wie Jesus das beabsichtigt hatte. In der Reformationszeit hat sich das wiederholt, Reformierte und Katholiken haben sich getrennt – wieder weniger friedlich und wertschätzend als wünschenswert gewesen wäre.

Das ist ein Punkt, den wir aus dem Text und aus der Geschichte lernen können – für unsere persönlichen Neuanfänge, für gesellschaftliche Veränderungen, wie auch für die Kirchenreform: das Alte ist nicht wertlos. Viele Menschen hängen daran und haben berechtigte Ansprüche, das Alte zu bewahren.

Der zweite Punkt, den wir im Text sehen: Das Neue ist oft noch formlos. Es ist nicht so richtig greifbar. Es ist noch experimentell, unausgegoren, ungefilzt. Das gibt noch keinen Halt und keine Sicherheit. Es ist ein Weg ins Ungewisse. Es muss wachsen, sprudeln, um seine eigene Form zu finden. Dafür braucht das Neue Raum, ohne in alte Formen gezwängt zu werden.

Und der dritte Punkt: Zwischen Altem und Neuem gibt es einen Bruch. Da ist kein harmonischer einfacher Übergang. Dazwischen ist eine chaotische Phase: wenn das Alte nicht mehr so recht funktioniert und das Neue aber noch nicht wirklich zur Verfügung steht.

Aber Jesus zeigt, wie man solche Übergänge gestalten kann: Miteinander reden. Das Alte nicht abwerten, sondern versuchen zu verstehen, warum die Menschen daran hängen. Dem Neuen Raum geben und versuchen, das Anliegen des Neuen, was einem ja oft irgendwie suspekt vorkommt, zu verstehen. Und vor allem: Beides – das Neue und das Alte – nicht als Bedrohung wahrnehmen.

Das ist, glaube ich, der wichtigste Punkt: In vielen gesellschaftlichen Diskussionen – sei es, wenn es um das Gendern der Sprache geht; oder bei der Frage, ob Winnetou-Bücher rassistisch sind; oder darum, wie man mit dem Klimawandel umgeht; oder beim Thema Zuwanderung und Migration oder eben bei der Kirchenreform – in diesen Diskussionen wird die Gegenposition häufig als Bedrohung wahrgenommen; als etwas, was Angst macht. Und es wird deswegen vehement abgewehrt, ohne das Anliegen im Kern wirklich verstanden zu haben.

Jesus sagt einfach: es gibt einen Bruch. Es passt nicht zusammen. Entscheidet Euch und dann geht Euren Weg; findet Euren Platz. Im Vertrauen auf die Mitmenschen und im Vertrauen darauf, dass Gott unsere Wege schlussendlich leitet und führt. Wie auch immer ihr Euch entscheidet, tut es ohne Zorn, ohne Hass und ohne Angst.

verfasst von Claudia Daniel-Siebenmann, Leiterin Kommunikation

 

Nachtrag: Für das Konzept einer überregional zusammengeschlossenen, netzwerkartig aufgebauten Kirchgemeinde ist die Situation ähnlich. Man muss sich entscheiden: Altes Modell oder neues Modell? Ein bisschen überregional geht nicht. Die Arbeitsgruppe lädt interessierte Kirchgemeinden ein, sich das neue Modell beim Austausch am 20. August, 19 Uhr in Baden vorstellen zu lassen oder das detaillierte Konzept und die mit Notizen versehene Präsentation zu lesen.
Mit interessierten Kirchgemeinden soll das Konzept dann präzisiert und umgesetzt werden – auf freiwilliger Basis. Und Kirchgemeinden, die die bisherigen Strukturen (wie den alten Wein) für bekömmlicher halten, sind genauso frei, beim alten Modell zu bleiben.

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Eingestellt von Informationsdienst der Landeskirche

Der Informationsdienst der Landeskirche, Claudia Daniel-Siebenmann und Barbara Laurent, leiten und administrieren den Blog der Reformierten Landeskirche Aargau.

1 Kommentare

  1. seit einem halben jahrhundert interessiert mich die bedeutung der drei worte „alles in allem“ aus 1kor 15.28. ihre bedeutung meiner meinung nach: die vereinigung von allem. und weil integration immer auch transformation bedeutet: die alles verändernde vereinigung von allem mit allem. damit also die beide verändernde vereinigung des alten und des neuen. jesus hat die bedeutung des vaters vollständiger herausgearbeitet. aber er bezieht sich nur auf einen, auf seinen vater. das jesuskritische verhalten sagt: nur vater, das kann nicht sein. darin wird aber, was jesus erkannt hat bewahrt. ich nehme an, dass er selbst, nachdem er bei seiner auffahrt seinen begrenzten kontext verlassen hatte, auf die suche nach seiner mutter gegangen ist. nicht maria, sondern der mutter auf gleicher ebene wie der vater. sein vater hat ihn in seinem sterben verlassen, um ihn vom unvollkommenen zum vollkommenen erkennen zu befreien. damit hat auch jesus seine eltern verlassen, wie ein sohn vater und mutter verlässt (gen 2.24), um animation und motivation bei seiner partnerin zu finden. nach seinem wort: was ihr nicht habt, habt ihr hundertfach (mk 10.30 auf das elementarste reduziert) das heisst nicht, dass er keine mutter und keinen vater hat. er hat sie, nachdem er sie verlassen hat, hundertfach. (mk 10.30 direkt) es geht um die vervollständigung der wahrheit. die vereinigung von vater, sohn und geist ist ein unvollkommenes erkennen (1kor 13.8ff). vollkommen ist das erkennen der vereinigung von allem in ihrem werden und sein. (13.8) damit ist einerseits die zeit der kirche vorbei, anderseits existiert sie weiter als bestandteil der vereinigung der religionen und nicht-religionen, die sie verändern, die sie verändert. paulus verstand die genannten drei worte anders: der vater ist das ein und alles, bis zuletzt in allem. wie zu jesus sage ich zu ihm: das kann nicht sein. der vollkommene vater ist nicht der, aus dem alles hervorgeht, sondern der, der – wie alles – aus allem lebt. zu diesem theologischen respektive posttheologischen aspekt der kirchenreform habe ich mit dem „jesus-bot“ von „reflab“ (zugang auf der startseite) bei dieser gelegenheit des dankenswerten beitrags von claudia daniel-siebenmann eben gechattet.

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