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Reformierte Kirche Aargau, wohin geht es?

Porträt Martin Kuse

verfasst von Pfarrer Martin Kuse

Die Kirchenreform 26/30 ist im Gang. Auf der Grundlage eines breiten Mitwirkungsverfahrens mit vielen Arbeitsgruppen und Gesprächsanlässen haben Prozessleitungsteam, Kirchenrat und Synode für eine Weiterentwicklung der Ordnungen und Reglemente gesorgt.
Vorrangiges Ziel sind Gestaltungsspielräume für die Gemeinden, damit sie in Freiheit und Flexibilität ihr Leben weiterentwickeln können.

Ich bin allen dankbar, die bisher mit Herzblut an der Reform gearbeitet haben, und ich teile die positiven Zielsetzungen, die der Kirchenrat in seinen «Visionen 2030» im Jahr 2024 formuliert hat. Das bisher Erarbeitete hilft, den Weg in die Zukunft zu öffnen.

Zugleich ist wohl inzwischen in allen Gemeinden spürbar, dass die strukturelle Seite der Reform die Probleme vor Ort allein nicht löst. Wenn manche davon sprechen, dass es bisher «nur eine Strukturreform» gab, dann sprechen sie ein tieferliegendes Problem an: dass nämlich der nötige Wandel allein so noch nicht erreicht ist. Denn dieser Wandel muss in unseren Köpfen und Herzen stattfinden.

Nachdem die ablaufende Legislatur die institutionellen Grundlagen für die Kirchenreform gelegt hat, soll die kommende Legislatur nun im Zeichen der Umsetzung stehen. Es ist wie mit einer frisch renovierten Wohnung: Sie will mit Leben, mit Lebensfreude erfüllt werden! Und das gilt auch, wenn man in eine kleinere Wohnung umziehen muss.

Ich halte es für absolut zentral, dass wir als Reformierte Kirche uns von alten Selbstbildern verabschieden. Heute ist noch gut jede Sechste im Kanton Mitglied, in einigen Jahren wird es vielleicht noch jeder Achte oder Zehnte sein. Die im a+o vom April veröffentlichte Alters -«Pyramide» zeigt das eindrücklich.

Die Kirchgemeinden können den Spagat zwischen rückläufigen Mitteln und sich immer weiter auffächernden Bemühungen um verschiedene Zielgruppen kaum mehr stemmen. Die flächendeckende «Versorgung» möglichst vieler Anspruchsgruppen in allen Gemeinden wird immer mehr zur Überforderung, während man eher über Pensenkürzungen bei Angestellten nachdenken muss.

So ist also die Lage. Und jetzt?

Mindshift

Jetzt werden wir uns mit der Situation anfreunden. Und uns darauf besinnen, wer wir sind, was uns wirklich trägt und was wir wirklich wollen. Wir könnten als Minderheit auch eine neue Bewusstheit entwickeln! Das Dabeisein wird kostbarer und bedeutsamer.

Für mich ist Kirche ein ganz besonderer, unverzichtbarer Ort innerhalb der Gesellschaft. Hier verkünden wir die Botschaft, dass «die Liebe dich durch die Stunde, durch den Tag, durch dein Leben tragen wird. Dass die Liebe uns alle voranbringen wird.» Mit diesen wunderbaren Worten beschreibt der texanische Senatskandidat James Talarico Kirche. (Er ist zutiefst christlich geprägt und scharfer Kritiker des «Christian Nationalism» in den USA.) Das griechische Wort für Kirche (ekklesia) kommt vom Verb ek-kaleo, herausrufen. Talarico sagte weiter, dass Kirche also bedeutet, von Gott «aus unserer Kultur, unserer Wirtschaft, unserem politischen System herausgerufen zu werden.» Das ist dieser Ort, der mitten in der Welt immer noch auf etwas anderes hinweist: auf eine andere Sichtweise, auf eine grosse innere Freiheit, auf die tröstende und gestaltende Kraft der Liebe. Es gibt nichts Grösseres. Hier finde ich etwas, das meinen Blick auf die Welt zugleich klärt und verändert. Jesus Christus hat uns in seinen vielen Worten und Gleichnissen so viel Ermutigendes, Lebensveränderndes mitgegeben!

Es ist wie ein tiefer Anker, eine tragfähige Perspektive. Was könnten wir in unserer unruhigen Welt besser gebrauchen? Denn Menschen suchen nach tragfähigen und echten Beziehungen, nach Glaubwürdigkeit, nach Gerechtigkeit, nach etwas wofür es sich zu leben und zu arbeiten lohnt. Um all dies geht es in der Kirche. Und dabei ist die Kirche nicht selbst ihr Gegenstand, sondern sie ist das Vehikel, um all diese Schätze in die Welt hineinzutragen. Um in ihr diese andere Stimme hören zu können, die uns herausruft. Für all dies weiterhin einen Raum zu öffnen und offen zu halten, dafür möchte ich mich einsetzen.

Form follows function

Wenn die Institution Kirche in ihrer äusseren Form nicht mehr funktioniert, dann werden wir die Form ändern, damit sie der Funktion besser dient: Den Menschen das Evangelium nahe zu bringen.

Mit Sicherheit wird der Wandel in unserer Kirche weitergehen als nur bis zu Gemeindefusionen. Es wird in den Gemeinden unweigerlich zu einer Klärung der Angebote kommen, zu einer bewussten Begrenzung und dem Ausstieg aus dem Druck, mit immer weniger Mitteln immer mehr zu tun. Dafür könnten in den Regionen Netze und «kirchliche Orte» entstehen, die besondere Akzente oder Schwerpunkte setzen, um den vielfältigen Interessen und Bedürfnissen der Menschen besser zu begegnen. Die Idee von solchen «Lagerfeuern» oder «Leuchttürmen» sind in Ansätzen vorhanden, müssen aber noch Raum gewinnen. Sie könnten die Vielstimmigkeit unserer Kirche sichtbarer machen, auch im digitalen Raum! In diesem Bereich hat kirchliche Kommunikation viel brachliegendes Potential. Auch mit übergeordneten Projekten kann die Landeskirche die Gemeinden unterstützen und entlasten – als Beispiel sei hier in der Jugendarbeit das bereits erfolgreiche kantonale «Konfcamp» genannt.

Für die Menschen

Kirche leistet für das Gemeinwesen viel. Andere Kantonalkirchen weisen über Studien gesamtgesellschaftliche Leistungen in Millionenhöhe aus (etwa die ecoplan-Studie in Solothurn, die Widmer-Studien in Zürich). Dazu gehören Jugendförderung, überkonfessionelle Seelsorge in Gesundheitseinrichtungen, Heimen und Gefängnissen, sozialdiakonische Arbeit in allen Generationen, Freiwilligenarbeit, Beiträge an Verbände und Hilfswerke, Angebote für Asylsuchende und Armutsbetroffene.

Finanzen sind bei alledem ein grosses Thema. Durch den Mitgliederrückgang können immer weniger dieser Leistungen aus Kirchensteuern allein finanziert werden. Zum Wandel in unseren Köpfen und Herzen gehört darum auch, dass das Killerargument, die Kirche habe ja Kirchensteuern, nicht mehr sticht. Vielmehr müssen Kirchen, analog zu beispielsweise Sportverbänden und Kulturträgern, über die Mitgliederbeiträge hinaus weitere Mittel beschaffen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Eine entsprechende Markenentwicklung bedeutet nichts anderes, als die eigene Aufgabe ernst zu nehmen. Es geht dabei nicht nur um gemeinwirtschaftlich direkt Messbares, sondern auch um Dinge wie Demokratieförderung, Gesundheitsförderung und Prävention, Zusammenhalt, kulturelle Leistungen.

Die Glaubwürdigkeit des sozialen Engagements der Waldenserkirche in Italien beschert dieser kleinen Kirche viele Spenden von ausserhalb – das finde ich inspirierend.

Wenn die Reformierte Kirche selbstbewusst und profiliert in der Mitte der Gesellschaft dient und wirkt, dann hat sie Zukunft. Selbst wenn sie noch kleiner wird, bleibt sie ein bemerkenswerter Player im grossen Spiel. Angebote wie die Seelsorge im Gesundheitswesen oder die Ritualagentur «Leben-feiern» tragen dazu bei. Hier entstehen Kontakte und Begegnungen bis weit hinaus ausserhalb der sogenannten Kerngemeinden.

Die Kirchenreform ist nicht so bald abgeschlossen! Sie ist unbequem und faszinierend, sie bringt uns alle in Bewegung, ob wir wollen oder nicht. Wichtiger als ein 10-Punkte-Plan sind dabei Menschen, die an die Sache der Kirche glauben und die wissen, warum sie dabei sind. Durch sie wird die Reform mit Geist und Leben erfüllt. Mit diesen Menschen gemeinsam möchte ich als Präsident gern die nächsten Etappen auf dem Weg in Angriff nehmen.

verfasst von Pfarrer Martin Kuse

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Eingestellt von Informationsdienst der Landeskirche

Der Informationsdienst der Landeskirche, Claudia Daniel-Siebenmann und Barbara Laurent, leiten und administrieren den Blog der Reformierten Landeskirche Aargau.

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