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Regeln und Traditionen sind oft Teil eines vergangenen Zeitgeists

"Wie im Himmel - so im Aargau"
"Wie im Himmel - so im Aargau"

Wenn man auf die Mitgliederstatistik abstellt, wird offensichtlich, dass das Interesse an der reformierten Kirche abnimmt – und zwar zunehmend.  Die Mitgliederzahlen der drei Landeskirchen (reformierte und katholische) machen nur noch knapp die Hälfte der Bevölkerung im Kanton Aargau aus; vor rund 50 Jahren waren es noch über 90 Prozent. Auch die Nachfrage nach unseren Kasualien – Taufe, Konfirmation, Trauung und Abdankung – nimmt ab, und dies prozentual noch stärker als der Mitgliederrückgang. Es ist höchste Zeit, dass unsere Kirche sich diesen Tatsachen stellt. Nicht weil das Bisherige schlecht ist, sondern weil es vielleicht nicht (mehr) verstanden wird, sich die Umstände und Möglichkeiten der Menschen verändert haben.

Die «Reform» ist Teil unseres Namens; und so stecken wir derzeit mittendrin, im Reformprozess «Kirchenreform 26/30»: Wie sind die heutigen Megatrends wie beispielsweise Individualisierung, Globalisierung, Digitalisierung und «New Work» und ihre Bedeutung für die Reformierte Kirche zu verstehen und inwiefern muss sich unsere Kirche verändern, um auch noch in Zukunft einladend, überzeugend und glaubwürdig zu sein? Der Reformprozess ist ergebnisoffen, das heisst: Der Kirchenrat hat den Arbeitsgruppen zwar Fragen auf den Weg mitgegeben, aber keine Vorgaben für die Resultate.  Zur Teilnahme eingeladen sind alle Mitglieder der Kirche – als Beteiligte in Arbeits- oder Echogruppen, im Rahmen ihrer Aufgaben und Behördenfunktionen oder durch aktives Nachfragen.

Wohin solls gehen?

Die Kirche muss politischer sein, sagen die Einen – mehr Neutralität verlangen die Anderen. Mehr Zusammenarbeit mit Staat und Gesellschaft befürworten die Einen, Unabhängigkeit verlangen die Anderen. Wir brauchen ein klares Bekenntnis tönt es auf der einen Seite – Sicherung der Bekenntnisfreiheit heisst es auf der anderen. Seelsorge für alle Menschen oder nur für die Mitglieder? Strukturreform ja oder nein? Kopfschütteln auf der einen, Engagement auf der anderen Seite – wenn so kontrovers diskutiert wird, heisst das: die Reform lebt. Aber wohin wird sie uns führen? Die Unsicherheit ist überall spürbar. Was hilft?

Die Reform steht unter dem Motto «Wie im Himmel – so im Aargau», natürlich mit einem Augenzwinkern und auf die Bitte im Vater Unser hinweisend: «Dein Wille geschehe». Wenn das kein Anker ist! Alle Regeln und Traditionen, die in unserer Kirche gelten, sind von Menschen gemacht. Folglich ist es völlig in Ordnung, dass sie hinterfragt werden. Wer den heutigen Zeitgeist generell ablehnt, vergisst, dass die heutigen Regeln auch Teil eines – grösstenteils vergangenen – Zeitgeists sind. Das erinnert an Jesus, der vor 2000 Jahren völlig neue Massstäbe setzte, indem er die Liebe über alles, wirklich alles, setzte. Daraus folgte die goldene Regel: «Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso.» (Matthäus, 7,12).  Oder auch die Erkenntnis, dass die Stärke eines Volkes sich am Wohl der Schwächsten misst. Bewahrung der Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit sowie Rücksichtnahme und Gemeinsinn (statt Konfrontation und Krieg) leiten sich ebenfalls aus dem Liebesgebot ab. Ich behaupte mal, darüber sind sich die Mitglieder unserer Kirche und darüber hinaus auch weitere, der Kirche wohlgesonnene Menschen einig.

Die Grundlagen sind zeitlos

Und genau daraus, aus diesen Grundlagen unseres Glaubens, bezieht die Kirche ihre Kraft. Die Grundlagen unseres Glaubens sind zeitlos. Sie können sich dem aktuellen Zeitgeist anpassen, ohne ihre Kraft zu verlieren. Damit sie auch heute noch verstanden werden können, müssen sie sich sogar dem aktuellen Zeitgeist anpassen. Diese Erkenntnis ermutigt! Und deshalb bin ich optimistisch für unsere Kirchenreform im kleinen Aargau: Der Himmel über uns verbindet uns mit allen anderen Menschen und mit Gott selbst, der uns liebt und inspiriert und dessen Wille geschehe – «wie im Himmel, so im Aargau».

Catherine Berger, Mitglied der Steuerungsgruppe

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Verfasst von Informationsdienst der Landeskirche

Der Informationsdienst der Landeskirche, Frank Worbs und Barbara Laurent, leitet und administriert den Blog der Reformierten Landeskirche Aargau.

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