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Überregional vernetzt – aber zu weit weg von den Menschen?

Foto: Überregional vernetzt – aber zu weit weg von den Menschen?
Foto: Drohnenaufnahme von Lutz Fischer

Das neue Konzept einer überregional zusammengeschlossenen, netzwerkartig aufgebauten Kirchgemeinde hat zu zahlreichen Rückmeldungen geführt. Das detaillierte Konzept und eine mit Notizen versehene Präsentation sind online verfügbar. Neben Kommentaren unter den verschiedenen Blogbeiträgen zum Thema besteht am 20. August, 19 Uhr in Baden die Möglichkeit zu Austausch und Diskussion des Konzepts.
Im folgenden Beitrag beschreibt Christian Wegmüller, Murgenthal, seine kritische Einschätzung und plädiert für mehr spürbare Nähe zu den Bedürfnissen der Menschen.

Verfasst von Christian Wegmüller, Murgenthal

Mein Gefühl zu den Thesen

Mit Interesse lese ich seit ca. 2024 die Informationen zur Kirchenreform und jetzt zu den überregionalen Zusammenschlüssen. Da wurde in vielen Diskussionen von vielen motivierten Leuten auch viel beigetragen. Was ich empfinde ist, dass bisher viel intellektuell, kopfgesteuert, alles beinhaltend und gleichzeitig nichtssagend formuliert ist. Ich nenne Beispiele wie «Struktur anpassungsfähig, flexibel, zukunftsorientiert», «am Auftrag der Kirche und den Bedürfnissen der Menschen orientiert», «Angebote, die zu ihrem Leben passen»… etc. Natürlich muss sich eine Kirche mit rationalen Themen befassen. Gleichzeitig aber geht es, gerade in einer Kirche, auch um das Herz, das Bauchgefühl. Einbeziehen dürfte für die kommenden Absichten wichtig sein, was mit zu technischen, wenig konkreten Aussagen eher schwierig wird.

Was will der Kunde, der Gläubige?

Bereits bei den Inhalten zur Kirchenreform ist mir, wie jetzt zu den Zusammenschlüssen, aufgefallen, dass weder «die Bedürfnisse der Menschen», noch die «Angebote, die zu ihrem Leben passen», «Grundversorgung» auch nur beispielhaft konkretisiert sind. Erfolgreiche Strategien und neue Strukturen schaffen, ohne vorher Klarheit über den «Kundenbedarf», den Kern zu haben, gelingt kaum. Denn die Strukturen müssen die Leistungen dieser Kirche ermöglichen, unterstützen. Richtig sagte die neue Präsidentin, Catherine Berger, im «Reformiert Nr. 6/Juni 2026», die Kirche soll «von unten her, nicht von oben» umgesetzt werden.

Ich denke da an Aussagen zu Trost, Hoffnung, Unterstützung, Halt geben, Gemeinschaft, Kontakte, etwas «spüren» lassen, respektvollen Umgang mit dem Leben etc. Bei jungen Leuten zählt offensichtlich heute vermehrt das Traditionelle, Werte die den Zeitgeist überdauern. Nicht dazu gehört «belehren», nicht Politik betreiben mit Klima, Gender, Migration, Ausbeuter. Unsere Gesellschaft basiert auf christlichen Werten, was auch die Basis in der Zusammenarbeit mit anderen Kirchen ist.

Strukturen, Professionell, auch regionale Kompetenz wahren

«Strategische Leitung», «Geschäftsleitung», «professionelle Stabstellen», «Teammanagement», «Coaching», «professionelles Rückgrat», ohne verständliche Hinweise, was damit gemeint ist, ohne darin die Bedürfnisse der «Kunden» zu sehen, empfinde ich rein technisch, fast wie eine «Religion» formuliert. Das Risiko, dass in solchen «professionellen» Strukturen leicht Entscheidungswege verlängert werden, rein einheitliche Lösungen entstehen, mehr Bürokratie, mehr Kosten, weniger Mitsprache, mehr Distanz, eine schleichende Entfremdung entsteht, ist virulent. Die Ansprechpartner sind nicht zwingend Organisationsfachleute. Effizienz kann sich auch durch Nähe ergeben. Flexibilität ist Voraussetzung.

Natürlich sollen Administration (was gehört dazu), Personaldienste (was gehört dazu), Finanzen in grösseren Einheiten gelöst werden. Gleiches gilt für spezielle Fachkompetenz wie bei Trauerbegleitungen, Angebote, Stellvertretungen etc. Artikel 6 der neuen Leitsätze besagt, «Die Reformierte Kirche Aargau ist nach dem Subsidiaritäts-Prinzip aufgebaut, das Gemeindeleben wird lokal gestaltet». Deshalb, glaube ich, sollte die «alte Kirchgemeinde» eine Vertretung in der neuen Organisation erhalten. Auch die Kompetenz, mit einem kleinen Budget, eigenständige Aktivitäten zu organisieren, zumindest so lange, wie lokale Aktivitäten durchgeführt werden. Es braucht den Einbezug der heutigen Kirchgemeinden, andernfalls werden die Austritte beschleunigt.

Verfasst von Christian Wegmüller, Rechnungsprüfungskommission der Kirchgemeinde Murgenthal

 

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Eingestellt von Informationsdienst der Landeskirche

Der Informationsdienst der Landeskirche, Claudia Daniel-Siebenmann und Barbara Laurent, leiten und administrieren den Blog der Reformierten Landeskirche Aargau.

1 Kommentare

  1. Vielen Dank für Ihre Gedanken, lieber Herr Wegmüller. Sie sind wichtig, ja entscheidend, um eine Kirchgemeinde auf die Beine zu stellen, die für die Menschen da ist und das ist ja das Ziel von allen, die am Reformprozess mitarbeiten und mitdenken.
    In der Arbeitsgruppe «Überregionale Zusammenschlüsse» haben wir ein Modell zu entwickeln, das einen überregionalen Zusammenschluss ermöglichen soll, sowohl auf organisatorischer Ebene als auch im Blick auf die «Kundenbedürfnisse», wie ich es im Blick auf Ihren Blogpost nennen möchte. Wie eine solche Kirchgemeinde konkret ihre Arbeit erledigt, das können und wollen und können wir von der Arbeitsgruppe «Überregionale Zusammenschlüsse» nicht entscheiden. Diese Arbeit müssen die Kirchgemeinden, die sich zusammenschliessen möchten, selbst erledigen.
    Und ja, die Bedürfnisse wie «Trost, Hoffnung, Unterstützung, Halt geben, Gemeinschaft, Kontakte» sind wichtig, wie auch der respektvolle «Umgang mit dem Leben». Die Aussage, dass bei «jungen Leuten (…) offensichtlich heute vermehrt das Traditionelle, Werte die den Zeitgeist überdauern» zählt, kann ich aus meiner Erfahrung nicht so pauschal sagen. Auch «Klima, Gender, Migration, Ausbeuter» sind vielen Jugendlichen ein Anliegen, bei denen sie sich von der Kirche mehr Unterstützung wünschen würden. Denn ein entscheidender Punkt, der unseren Kirchgemeinden zu schaffen macht, ist neben der Säkularisierung, die Individualisierung. Ein fantastischer Trend, der jedem von uns ermöglicht, so zu leben, wie er möchten. Aber er führt gleichzeitig dazu, dass die individuellen Bedürfnisse immer unterschiedlicher werden. In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben viele Kirchgemeinden auf diesen Trend mit einem Ausbau ihres Angebots reagiert. Bei immer weniger Mitgliedern und damit auch immer weniger Teilnehmenden führt das unweigerlich zu einer Überforderung, sowohl bei den Mitarbeitenden, als auch bei den bisherigen Strukturen. Klar, die Kirchgemeinde Murgenthal kann mit einer Nachbarkirchgemeinde fusionieren und in 8-10 Jahren die nächste Fusion an die Hand nehmen. Wir von der Arbeitsgruppe «Überregionale Zusammenschlüsse» versuchen Kirche nicht territorial, sondern von den Aufgaben her zu denken. Ein Lobpreisgottesdienst mit toller Sound- und Lichtanlage? Ansprechende Videos auf Tiktok oder Youtube? Ein beeindruckender Chor, für den man am Abend auch 20 oder 30 km fährt? Das sind Bedürfnisse, die eine kleine Kirchgemeinde nicht schultern kann, schon gar nicht mit der notwendigen Professionalität, aber in unserer mobilen Gesellschaft in einer Grosskirchgemeinde möglich werden.
    Was bleibt ist die Sorge um das kirchliche Leben «vor Ort». Die gilt es ernst zu nehmen und hier stehen uns in den nächsten Jahren auch dann grosse Veränderungen ins Haus, wenn wir nichts tun. Aber solange ein Bedarf besteht, wird auch eine grosse Kirchgemeinde diesen so gut wie möglich befriedigen. Ganz im Sinne der «Kunden».

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