verfasst von Lutz Fischer, Pfarrer der Kirchgemeinde Wettingen Neuenhof / Claudia Daniel-Siebenmann, Leiterin Kommunikation
Lutz Fischer startete seinen damaligen Blogbeitrag mit der rhetorischen Frage «Warum es angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen gut wäre, wenn es im Aargau nur eine reformierte Kirchgemeinde gäbe.» Zahlreiche Reaktionen folgten und eine Arbeitsgruppe fand sich zusammen, um die Idee von «überregionalen Zusammenschlüssen» weiterzuentwickeln. In acht Sitzungen wurde eine grobe Skizze erstellt, die nun vertieft und präzisiert werden soll. Die Tatsache, dass die Zweier-Fusion der Kirchgemeinden Wettingen-Neuenhof und Spreitenbach-Killwangen mittlerweile sistiert wurde (siehe Dezember a+o) zeigt die dringende Notwendigkeit bei Fusionen und Zusammenschlüssen grossräumiger zu denken. Ein Interview mit Lutz Fischer:
Claudia: Dein Blog-Beitrag hat recht viel Staub aufgewirbelt. Willst du wirklich alle Aargauer Kirchgemeinden zu einer fusionieren?
Lutz: Nein, zumindest war das nicht das Ziel, das ich damals mit meinem Text erreichen wollte. Mein Ziel war zum einen, dass wir überhaupt anfangen über Fusionen zu sprechen und zum zweiten, dass wir sie grösser denken, nicht nur bis zur Nachbarkirchgemeinde oder das Dekanat, sondern überregional.
Claudia: Und welches Ziel verfolgst du heute?
Lutz: Ganz klar weg von der «Kleinfusionitis», die nur versucht Strukturen möglichst lange zu erhalten, die schon jetzt oder zumindest sehr bald, nicht mehr funktionieren. Mein Ziel wären überregionale Zusammenschlüsse, bei denen die Kirchgemeinden mitmachen, die die Vorteile sehen und es deshalb möchten. Das können grosse und kleine Kirchgemeinden aus ganz unterschiedlichen Ecken des Kantons sein.
Claudia: Welche Vorteile siehst du?
Lutz: Diese liegen auf der Hand: Eine solche Kirchgemeinde könnte professionell geführt werden, vielfältige Gottesdienste und andere Veranstaltungen anbieten, die Ordinierten gabenorientiert einsetzen, attraktive Stellenpensen anbieten und Synergien nutzen. Die Mitarbeitenden nach ihren Begabungen einzusetzen, wäre für alle entlastend. Wenn alle mit Begeisterung das machen, was sie gut können und unsere Mitglieder die Angebote finden, die sie wirklich wollen, dann könnten wir eine Vielfalt leben, wie wir sie beim Kirchenfest erlebt haben.
Claudia: Und wie könnte der Weg zu solchen grossen Kirchgemeinden aussehen?
Lutz: Der Weg dorthin scheint mir recht anspruchsvoll. Viele Kirchenpflegen sind mit dem Tagesgeschäft ausgelastet. Finanzen und Immobilien werden in den nächsten Jahren zu noch grösseren Herausforderungen, als sie es ohnehin schon sind. Seit Januar 2025 treffen sich Mitglieder von verschiedenen Kirchenpflegen regelmässig in der Arbeitsgruppe «Überregionale Zusammenschlüsse». Wir sind dabei, ein Modell für eine Kirchgemeinde zu entwickeln, die nicht ein zusammenhängendes Territorium umfassen muss, sondern den Kirchgemeinden die Möglichkeit zum Zusammenschluss bietet, die das möchten. Das Konzept soll dann Kirchenpflegen und Kirchgemeinden vorgestellt werden, damit sie die Vorteile sehen können. Ich kenne und verstehe auch die Ängste, die bestehen, zum Beispiel vom Wegbrechen des kirchlichen Lebens vor Ort. Aber genau das passiert früher oder später sowieso. Aber noch sind wir handlungsfähig und können uns auf die Zukunft vorbereiten. Zeit verlieren dürfen wir dabei nicht, wenn wir nicht wollen, dass uns der ganze Laden um die Ohren fliegt.
verfasst von Lutz Fischer, Pfarrer der Kirchgemeinde Wettingen Neuenhof / Claudia Daniel-Siebenmann, Leiterin Kommunikation

Danke für die wichtigen Überlegungen.
Allerdings stellen sich mir Fragen:
(1) Was ist damit gemeint, dass das kirchliche Leben vor Ort früher oder später sowieso wegbrechen wird? Soll es in Zukunft gar kein kirchliches Leben vor Ort mehr geben? Wie sähe eine solche Landeskirche überhaupt aus? Immer noch gehört es für mich gerade zur Eigenart und zum Charme, am Ort – in Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde, mit ansässigen Vereinen, den Altersheimen usw. – Kirche zu sein. Was bleibt, wenn all dies (in allen Kirchgemeinden?) wegbrechen wird?
(2) Ich teile die Meinung, dass sich in Zukunft sehr vieles verändern wird und wir uns darauf vorbereiten sollen. Aber stimmt es, dass es nur die Alternative gibt, (a) entweder so weiter wie bisher und untergehen oder (b) sich (überregional) mit anderen zusammenschliessen und …? Um nicht missverstanden zu werden: Ich unterstütze das Nachdenken über sinnvolle regionale und überregionale Formen der Zusammenarbeit durchaus. Aber vielleicht gibt es ja auch noch andere Wege, die es sich auszuprobieren lohnt. Ich denke z.B. an die Möglichkeit, sich als Kirchgemeinde (im Blick auf Personal, Immobilien usw.) deutlich zu verkleinern und in dieser angepassten Form weiterhin vor und am Ort lebendig zu sein. Zumindest für gewisse Kirchgemeinden dürfte dies eine realistische Option sein. (Wobei diese Option sinnvolle Formen der regionalen und überregionalen Zusammenarbeit nicht ausschliesst.)
Pfarrer Andreas Hunziker (Ref. Kirche Suhr-Hunzenschwil)
Das sehe ich ähnlich. In den 60er und 70er Jahren sind sehr viele Kirchgemeindehäuser und Kirchen neu gebaut und mit AV-Technik und mehr Personal – auch bei der Landeskirche – ausgestattet worden. Jedes Dörfchen wollte wenigstens sein eigenes KGH habe und regelmäßige Gottesdienste, ebenso in all den neuen Altersheimen. Die kirchlichen Angebote wurden für immer mehr verschiedene Bedürfnisse ausgebaut. Das lässt sich mit der kleiner gewordenen Mitgliederzahl und der geringen Teilnehmerzahl insbesondere an den Gottesdiensten so nicht weiter aufrecht halten. Redimensionieren ist allerdings schwieriger als aufbauen.