verfasst von Marc Zöllner, Pfarrer, Prozessleitungsteam Kirchenreform
Osterpredigt zu Johannes 20,19–23
Es ist Abend. Der erste Ostertag neigt sich dem Ende. Draussen liegt Jerusalem in der Dämmerung – und drinnen sitzen Menschen hinter verschlossenen Türen.
Das ist eigentlich nicht das Bild, das wir vom Ostertag vor Augen haben. Wir kennen den Morgen, das leere Grab, die Frauen auf dem Weg zur Salbung, den oder die Engel mit der Osterbotschaft, den Aufbruch. Aber das hier ist der Abend danach. Und die Jünger – sie, die doch ganz frisch von der Auferstehung gehört haben – sitzen eingeschlossen. Aus Furcht, sagt Johannes. Die Nachricht vom leeren Grab hat ihre Angst nicht einfach aufgelöst. Sie haben die Türen verriegelt und warten.
Im übertragenen Sinn kennen wir eine solche Situation aus dem eigenen Erleben: Diesen inneren Zustand, in dem man weiss, dass draussen etwas Neues begonnen hat – und man trotzdem nicht aufmachen kann. Wo die Angst vor dem, was kommt, grösser ist als die Neugier darauf. Wo der Vergleich mit gestern schwerer wiegt als die Möglichkeit von morgen. Wo die verschlossene Tür weniger Schutz ist, als vielmehr Lähmung.
Und in dieser Situation taucht Jesus in ihrer Mitte auf – unvermittelt steht er plötzlich vor ihnen.
Nicht durch die Tür. Einfach da. Und sein erster Satz ist kein Vorwurf, kein Aufruf, keine Grundsatzfrage. Er sagt: Friede sei mit euch. Ein ganz alltäglicher Gruss – «Schalom alächem», wie man sich nun mal begrüsste. Und doch, in diesem Moment, mit diesen Menschen hinter diesen Türen, bekommt die vertraute Grussfloskel ihr ganzes Gewicht zurück. Friede für die, die Angst haben. Friede für die, die versagt haben. Friede für die, die nicht wissen, wie es weitergeht.
Dann zeigt er ihnen seine Hände und seine Seite. Die Wunden. Er zeigt nicht einen makellosen, verklärten Körper – er zeigt, was geblieben ist. Und Johannes sagt: Da freuten sich die Jünger. Nicht weil die Wunden verschwunden wären. Sondern weil sie verstehen: Das Leid hat nicht das letzte Wort behalten. Was geschehen ist, ist zwar wahr und nicht bloss ein Alptraum. Aber es ist vorbei, überwunden, kann heilen.
Und dann ergeht ein Auftrag an sie. Und der ist wirklich anspruchsvoll.
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Das ist keine kleine Aussage. Jesus delegiert nicht eine Aufgabe – er übergibt eine Sendung; seine eigene Sendung. Stabübergabe an die Nachfolger gewissermassen.
Und dann tut Jesus etwas Merkwürdiges, vor allem, wenn man sich die Situation bildlich vorstellt: Er haucht seine Jünger an.
Johannes hat seinen Prolog mit dem Anklang an die Schöpfung begonnen – Im Anfang war das Wort – jetzt nimmt er dieses Bild erneut auf. In der zweiten Schöpfungserzählung formt Gott den Menschen aus Lehm und bläst ihm seinen Atem ein – und der Mensch wird lebendig. Hier, am Osterabend, haucht Jesus seine Jünger mit seinem Atem an und gibt ihnen damit das Leben des Auferstandenen weiter. Im übertragenen Sinn könnte man sagen, er übergibt ihnen sein Lebenswerk zur Fortsetzung. So schliesst sich der Bogen des Johannes-Evangeliums.
Und das Interessante an der Geistgabe ist noch: Es ist keine Verheissung auf später. Kein «Wartet noch ein bisschen, dann kommt der Geist», wie in den anderen Evangelien. Es geschieht jetzt. Ostern und Pfingsten fallen bei Johannes auf einen Tag. Der Geist ist gegeben. Nicht als Fernziel, nicht als Belohnung für gute Arbeit. Sondern jetzt – mit dem Ostertag.
Die Gabe, die Johannes an dieser Stelle besonders hervorhebt, ist die der Vergebung: «Wem immer ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie festhaltet, dem sind sie festgehalten.»
Ich stolpere hier etwas über das Festhalten. Wenn ich die Evangelien durchgehe, ist mein Eindruck: Jesus hat Menschen fast nie aktiv «festgehalten». Er hat nicht verurteilt, nicht gebunden, nicht eingesperrt. Er hat gelöst. Er hat Menschen von dem befreit, was sie selbst festhielt – von Schuld, die sie nicht loslassen konnten. Von Urteilen, die andere über sie gefällt hatten. Von Gesetzen, die das Leben ersticken statt zu tragen. Von Krankheit, von Ausgrenzung, auch von der eigenen Enge, den eigenen Denkschranken.
Wie sollte es anders sein: Auch hier schlage ich wieder den Bogen zur Kirchenreform:
Für mich hat es mit einer Grundsatzentscheidung zu tun, wenn Jesus hier vom Vergeben und Festhalten spricht. Nicht eine kirchliche Machtbefugnis, sondern eine Lebensrichtung. Eine Weise, in der Welt zu sein: Leben-verheissend oder Leben-einengend. Lösend oder bindend. Und die Frage, die sich mir stellt, ist: Wie bleiben wir auf dem Weg des Lösens – inmitten von allem, was uns selbst zu binden droht? Inmitten von Erschöpfung, Frustration, dem täglichen Kleinklein von Gebäuden und Budgets und sinkenden Mitgliederzahlen und Finanzen?
Das ist die eigentliche Herausforderung des Auftrags an die Jünger. Nicht: Schafft ihr das? Sondern: Bleibt ihr dabei?
Wir müssen dem Geist nicht hinterherjagen. Wir müssen ihn nicht herbeireden, herbeiorganisieren oder herbei-reformieren. Insofern sehen ich in der Reform auch keine Reform der Inhalte: Wir müssen nicht das Evangelium retten. Das Evangelium trägt sich selbst. Der Geist ist bereits da. Was wir tun können – was unsere eigentliche Aufgabe ist – das ist, den Raum offenzuhalten, in dem er wirken kann. Die Türen aufzumachen, die wir aus Angst verriegelt haben. Die Formen bereitzustellen, in denen Empfangen und Weitergeben zur Entfaltung kommen.
Und am Schluss ist es für mich auch die ganz persönliche Frage:
Welche Türen halte ich selbst noch geschlossen – und was bräuchte es, damit ich sie öffnen kann?
Verfasst von Marc Zöllner, Pfarrer, Prozessleitungsteam Kirchenreform

Toll!