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«Von Amtes wegen» begeistern

Fête des Vignerons
Die Show zur Fête des Vignerons: Im Stadion geschätzt zwischen 15 000 und 20 000 Menschen, die einem Spektakel beiwohnen, das von insgesamt 5700 Freiwilligen organisiert und vorgetragen wird.

Grossveranstaltungen sind mir eigentlich ein Graus. Organisierte Begeisterung. Ich wie ein Tröpfchen im Meer, zum Beispiel als Teil einer Welle, die oooooaaaaah… im Stadion Kreise zieht: ich vermisse es kaum. Dennoch freute ich mich, als ich von der Staatskanzlei als offizieller Gast zum Aargauer Tag der Fête des Vignerons nach Vevey eingeladen wurde. Ich freute mich entsprechend etwas mehr als Kirchenratspräsident denn als Christoph Weber. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass Kirchenvertreterinnen und Kirchenvertreter zu offiziellen Anlässen des Kantons eingeladen werden. Ich freute mich gewissermassen von Amtes wegen: Solch informelle Anlässe, bei denen «der ganze Kanton» anwesend ist, bieten gute Gelegenheiten für lockere Gespräche mit Politikerinnen und Politikern, Wirtschafts- und Kulturvertreterinnen und -vertretern. Und ja, doch: Das ist nicht nur gut für unsere Landeskirche, auch ich als Christoph freue mich immer wieder über persönlich bereichernde Begegnungen in diesem Zusammenhang.

Metapher für das ganze Leben
So machte ich mich also auf den Weg, mit nicht viel mehr als «amtlicher» Begeisterung, mit dem Extrazug ab Lenzburg 5:48 Uhr nach Vevey. Tatsächlich, die Hinreise schon in erfreulicher Gesellschaft mit Menschen, denen ich nicht nur von Amtes wegen, sondern persönlich freundschaftlich verbunden bin. In Vevey dann – in organisierter Feststimmung – mit dem Umzug der Aargauerinnen und Aargauer zum Stadion, an der Fête des Vignerons nicht ohne Apéro, zur fast dreistündigen Show.

Im Stadion geschätzt zwischen 15 000
und 20 000 Menschen, die einem Spektakel beiwohnen, das von insgesamt 5700 Freiwilligen organisiert und vorgetragen wird. Sie führen die Geschichte
des Weinbaus über die Jahreszeiten vor, eingebettet in die Erzählung eines Grossvaters an seine Enkeltochter und inszeniert als Metapher für das ganze Leben.

Seit 200 Jahren so
Dieser an sich einfache Plot wird mit enormem Aufwand vorgetragen, oft sind vier Chöre und zwei Orchester am Spielen. Dazu malen hunderte von Tänzerinnen und Tänzern Bilder ins Stadion, und am Höhepunkt, dem «Ranz des Vaches», der seit 200 Jahren zum festen Bestand der Fête des Vignerons gehört, dürfen rund 40 leibhaftige Kühe und ein gutes Dutzend mit Alphörnern ausgerüstete Sennen nicht fehlen. Können Sie sich vorstellen, was jetzt kommt?
Hinter der Sonnenbrille Diese organisierte Begeisterung führte selbst bei mir zu persönlichem Berührtsein: Mein Bekenntnis, dass sich mir in dieser Szene, hinter der Sonnenbrille verborgen, beim Aufbrausen des Refrains «Lioba, lioba» ein paar Tränen aus den unteren Augenlidern quetschten. Ich
erwischte mich dabei, dem Charme dieses jahrhundertealten, hier zwar gigantomanisch inszenierten Liedes, hilflos ausgeliefert zu sein. Natürlich schämte ich mich als nüchterner reformierter Theologe fast ein wenig. Oder war noch eine kleine Prise Neid in meine Gefühle gemischt? Ich weiss es nicht. Jedenfalls bin ich froh, dass wir in unserer Kirche nicht auf Megaveranstaltungen und inszenierte Emotionalität setzen.

Überraschend tief berührt
Trotzdem: ich nehme es niemandem übel, dass man mir unter dem Einsatz von 40 Kühen, mehreren hundert Sängerinnen und Sängern, Tänzerinnen und Tänzern, spektakulären Kostümen und mehreren tausend Watt Schalldruck aus den Lautsprechern ein paar Tränen entlocken konnte. Ja, es hat mich einfach berührt, irgendwie überraschend tief.
Auch Gottesdienste können das Und ich habe es irgendwie doch genossen. Nicht von Amtes wegen. Reformierte Gottesdienste versprühen in der Regel nicht den Charme von Grossveranstaltungen. Sie brauchen es gar nicht mit solchen aufzunehmen. Was sie aber können: sie können Menschen, die aus irgendeinem Grund, anfänglich ohne Begeisterung, gleichsam «von Amtes wegen» in einem Gottesdienst, an einer Konf, einer Hochzeit oder an einer Abdankung dabei sind, ebenso überraschen und noch tiefer berühren als mich der «Ranz des Vaches».
Die Geschichte, von der wir in der Kirche erzählen dürfen, ist nicht nur eine Metapher fürs Leben, sie handelt vom Leben selbst. Darin liegt eine grosse Chance, und der Vorteil dabei: Wir müssen nicht 25 Jahre warten bis zum nächsten Mal!

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1 Kommentar

  1. ich mag grossveranstaltungen. zb solche mit mehreren tausend watt aus der pa (panta amplifying), wie man an open airs sagt. mit gehörschutz. tänzer*innen brauche ich nicht, das mache ich selbst – es sei denn, sie seien nicht auf der bühne. ich mag die anonymität in der masse. schon in meiner jugend träumte ich immer wieder, ich würde ein flugzeug entwenden, allein starten. . . das letzte traumbild ein himmelsausschnitt, davor ein streifen eines kondensstreifens: ein positives und nur positives symbol des alleinseins. „ich wie ein tröpfchen im meer im stadion.“ für die mystische tradition ist es ein positives und nur positives symbol, wie ein tröpfchen in den ozean zu fallen und dort weder wiedererkannt noch wiedergefunden werden zu können. am liebsten nenne ich es trance, in der man anders sieht, aus der kommunikation anders gelingt. wie neu geboren, weil erholt im nicht reagieren müssen, lebendig dank des nicht leben müssens. gottesdienste in der konfirmationszeit waren für mich sehr gut, solange ich allein hinging. was heisst allein? ich höre von einem personähnlichen sein, das uns umgibt und durchdringt, auch wenn wir „allein“ sind. als dann meine eltern mich zu begleiten begannen oder auch sonst der gottesdienst als gemeinschaft verstanden wurde, fiel für mich die subjektiv erfahrene qualität ab, weil ich die gemeinschaft nicht mehr anders wahrnehmen und nicht mehr anders daran teilnehmen konnte. bedenken betreffend grossveranstaltungen habe ich andererseits, um es im aktuellen stichwort zu sagen: co2. nur eines, kein zweites. sich selbst ursprung einer menschlichen person vergleichbar, die etwas schafft, als entsprungenes ihrer schöpfung. mit dieser zweiheit beginnen die probleme, theodizee. . . das noch zum wort all_ein.

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