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Von Anderen lernen

«Wie im Himmel – so im Aargau» lautet bekanntlich der Slogan der Aargauer Kirchenreform. Er soll daran erinnern, dass wir uns im Rahmen unserer Reformbestrebungen für den Willen Gottes öffnen. Sein Wille geschehe – wie im Himmel, so im Aargau. Damit wir uns für Gottes Willen öffnen können, müssen wir uns allerdings erst einmal von dem verabschieden, was wir immer schon wussten oder zu wissen meinten. Wir müssen Vorurteile gegenüber Fremdem und Ängste gegenüber Veränderungen loslassen und darauf verzichten, neue Ideen mit einer zynischen Bemerkung vom Tisch zu wischen.

In den Arbeitsgruppen und im Prozessleitungsteam sind wir deshalb aktuell in der Phase des offenen und möglichst unvoreingenommenen Zuhörens. Wir unternehmen «Lernreisen» zu Organisationen und Personen, von denen wir möglicherweise Inspirierendes oder Neues für unseren Reformprozess lernen können.

Im Gespräch mit politischen Parteien und Medien

Vor einigen Tagen waren wir im Gespräch mit Matthias Jauslin, Nationalrat FDP und ehemaliger Parteipräsident der Aargauer FDP, sowie mit Oliver Meier von SRF Kultur, zuständig für Transformation und Organisationsentwicklung.

Eine politische Partei und ein Medienhaus haben auf den ersten Blick wenig mit einer Kirche gemeinsam. Was uns aber verbindet, sind die Veränderungen der Gesellschaft und damit verbunden unserer Stellung in dieser Gesellschaft. Noch vor einigen Jahrzehnten, als die Kirche eine unhinterfragte gesellschaftliche Kraft darstellte, waren Radio Beromünster und das Schweizer Fernsehen die einzigen nationalen Sender, und die FDP war die dominierende Partei im bürgerlichen Spektrum unserer Politik.

Heute bewegen wir uns in einem völlig veränderten Umfeld. Es gibt nicht nur viele weitere Medienanbieter und Medienkanäle, der Wettbewerb in Wirtschaft und Politik ist rauer geworden, die sozialen Medien verbreiten Nachrichten völlig unabhängig vom Wahrheitsgehalt in Windeseile, und die politische Landschaft ist stark von den äusseren Polen her geprägt.

Viele Herausforderungen ähnlich wie in der Kirche

Wie aber geschieht Veränderung, Reform, Transformation in einer politischen Partei oder in einem traditionellen, öffentlich-rechtlichen Medienhaus? Beim sorgfältigen Hinhören konnten wir feststellen, dass sich sehr vieles analog zur Kirche abspielt. Traditionsabbrüche, Schnelllebigkeit, Stärkung konservativer Werte – nicht zuletzt bei jungen Menschen, Angst vor Veränderung, Widerstand oder nicht ausdiskutierte Differenzen. In beiden Gesprächen fühlten wir uns teilweise fast «wie zu Hause». «Wie in der Kirche – so in der Politik und bei den Medien» hätte unser Fazit sein können.

Darin liegen eine Chance und gleichzeitig einige Risiken. Die Chance liegt darin, dass wir leichter lernen können, wenn uns einiges schon vertraut vorkommt und wir nicht sogleich den Eindruck haben, das habe mit uns jetzt aber nichts zu tun. Die Risiken sind dort, wo wir denken: «Denen geht es ja ganz genauso, das kennen wir doch!» oder «das haben wir auch schon probiert, hat nicht funktioniert». Es könnte dazu führen, dass wir nichts lernen, und am Ende alles beim Alten belassen, dass unsere Ängste siegen und uns den Mut zur Veränderung nehmen, oder dass wir Möglichkeiten zur Veränderung abwehren.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir uns mindestens ein Stück weit von dem verabschieden, was wir schon immer zu wissen meinten.

Das kann stark verunsichern. Es kann sein, dass man plötzlich nicht mehr weiss, wo einem der Kopf, das Herz oder der Glaube steht, und was man jetzt tun soll. Die alten Rezepte versagen. Wie froh bin ich doch, dass unser Slogan aus dem wichtigsten Gebet der Christenheit abgeleitet ist. Durch das Gebet, durch das Vertrauen darauf, dass letztlich sein Wille geschehe, kann Gott uns den Mut und die Kraft schenken, auf sein Wirken zu vertrauen.

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