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Vorwärts oder nicht?

Rote Zahlen aus Sonderverkauf: -10%, -20%. -30%

Verfasst von Martin Hess, pensionierter Pfarrer

Alle Inserate für Pfarrstellen im Oktober-a+o waren für 60-80% Prozent ausgeschrieben, d.h. es werden entsprechende Arbeitsstunden gezählt und ein dementsprechend begrenzter Einsatz gefordert und geboten. Von diesen Teilzeitstellen werden in der Zusammenarbeit (Teamwork!) noch je mindestens 10% von Absprachen, Sitzungen und Koordination absorbiert – eher mehr. Manche nicht sehr teamfähigen oder motivierten Mitwirkenden neigen dazu, diesen nötigen, aber nicht wirklich produktiven Teil der Arbeitszeit, zu erschweren, indem sie Aufgaben nicht wie erforderlich erfüllen, Absprachen unterlaufen und Pausen und Sitzungen auszudehnen.

Diese Teilzeitstunden reichen bestenfalls, um die bisherigen, traditionellen Angebote und Anforderungen einigermassen abzudecken. Für die notwendigen, zukunftsgerichteten Projekte ist in den Stellenbeschrieben die erforderliche Zeit nicht enthalten. Auch ein Vollzeiteinsatz von «100%» im Pfarramt reicht erfahrungsgemäss zu diesen Mehrleistungen nicht aus. Teilzeitanstellungen müssten – wenn schon – spezifisch auf solche Entwicklungs- und Innovationsaufgaben ausgerichtet sein, oder im Aufgaben- und der Stellenbeschrieb müsste dazu ein realistisches Pensum vorgesehen sein.

Ob von den ordinierten Angestellten gesucht oder nicht, ob von den Finanzverantwortlichen eingesehen oder nicht: Die Kirchgemeinden müssen ihren Fokus strategisch, unternehmerisch und bewusst viel deutlicher auf solche wachstums- und entwicklungsorientierte Arbeit und Projekte legen, auf Leistungen und Taten, die nach aussen, in die Gesellschaft hinein, für alle sichtbar aufzeigen, wie relevant die Botschaft der Bibel ist. Jede Kirchenpflege und jedes Mitarbeiterteam muss sich die Frage stellen: Was wollen, was müssen und was können wir in den nächsten 10 Jahren erreichen, um dann als Gemeinde solider und stärker dazustehen? Dazu muss der Blick über die Innensicht und die Bedürfnisse der Insider hinausgehen. Die Nöte der Menschen müssen gesehen und darauf mit gesellschafts-diakonischen Taten reagiert werden. Dazu braucht es professionelle Anleitung und viel freiwilliges Engagement. Das dazu nötige Geld kommt erfahrungsgemäss aufgrund guter, überzeugender Arbeit auf sicher. Da dürfen wir auf Gott vertrauen und auf das Mittragen von Menschen, denen das Evangelium wichtig ist. Einsparungen und ökonomische Überlegungen allein sind für die nötigen Reformen nicht zielführend. Es ist theologisch und führungsmässig ein dynamischeres, strategisch-unternehmerisch progressiveres Denken nötig. Mit dem Betreuen des Bestehenden allein ist es nicht getan. Das führt sicher zu einem weiteren Krebsgang, bei dem man zuletzt immer mehr einsparen muss.

Verfasst von Martin Hess, pensionierter Pfarrer

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Eingestellt von Informationsdienst der Landeskirche

Der Informationsdienst der Landeskirche, Claudia Daniel-Siebenmann und Barbara Laurent, leiten und administrieren den Blog der Reformierten Landeskirche Aargau.

5 Kommentare

  1. aufwärts. sterben ist die alternative zum töten und zerstören. wie kann es auf allen höchsten politischen ebenen ankommen, dass, soweit wir während des lebens gestorben sind, der tötende und zerstörende tod, der bereits die beiden zellen, aus denen wir werden, berührt und uns dann immer mehr bestimmt, gestorben und verwandelt ist, so dass wir ohne gewalt übereinkommen? kirchenreform als weltreform, könnte man sagen. aber es geht damit nicht um kirche, sondern um die elementarste wahrheit aller religionen und nicht-religionen. und es ist auch recht, wenn es der kirche nicht um kirche geht. wer seine kirche verliert, wird sie finden.

  2. Lieber Martin

    Ich danke dir für deinen interessanten Beitrag. Mit einigem bin ich einverstanden. Es ist tatsächlich so, dass der Pfarrstellenmarkt im Umbruch ist. Es gibt einen starken Trend zu Teilzeitstellen. Ich habe bisher immer in solchen gearbeitet (früher 60%, jetzt 80%) und kann deine Analyse betreffend die Herausforderungen bestätigen.
    Was mich beim Lesen deines Beitrags jedoch überrascht hat, ist deine Schlussfolgerung, man solle die Teilzeitstellen auf „Entwicklungs- und Innovationsaufgaben“ ausrichten. Dabei hast du doch zuvor m.E. zutreffend analysiert, dass ein Gemeindebau, der Aufbau und nicht nur Verwaltung sein soll, einen Einsatz von mehr als 100% erfordert.
    Darum würde ich eher vorschlagen, dass man die hochprozentigen Stellen auf den entwicklungsorientierten Aufbau ausrichtet. Ein solcher erfordert, wenn er vor die Herausforderungen gestellt ist, die du beschreibst, persönliche Präsenz, eigenes Zugehen auf Menschen, Kontinuität und Flexibilität. Dies gibt es in kleinen Pensen, bei denen man nur wenige Tage pro Woche in der Kirchgemeinde anwesend ist, nicht. Diese sollten die hochprozentigen Stellen von Pflichtaufgaben (z.B. Amtswochen) entlasten, sodass letztere Stellen Kapazitäten haben, um neue Formate aufbauen und alte weiterentwickeln können.

    Liebe Grüsse
    Raffael Sommerhalder

    • Lieber Raffael, ob ein voller Einsatz in einer 100%-Stelle oder ein spezifischer Auftrag in einer Teilzeitstelle ist letztlich nicht so entscheidend. Entscheidend ist, dass die Aufgabe von der Führung (Kirchenpflege) gesehen und bewusst dotiert wird. In einem vollen Einsatz kann man das eventuell mit einer Mehrleistung erbringen, in einem Teilzeitpensum nicht.

  3. Geschätzter Herr Hess

    Bin auch Ihrer Ansicht. Pensenreduktionen bringen keine Neuerungen. Ein Zusammenschluss von mehreren Kirchgemeinden mit einer entsprechenden Fokussierung der Angebote auf einzelne Untergemeinden führt zu einer Bündelung der Kräfte führen. So sind Innovationen möglich.

    Margrit Schärer

    • Es kommt halt im konkreten Fall auf verschiedene Parameter an. Man kann in einem vollen Einsatz für 2 höchstens 3 Gemeinden oder Teilgemeinden erfolgreich wirken, wenn alles drumherum stimmt, aber das ist sehr anspruchsvoll.

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