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Die Zeit ruft

Foto: Die Zeit ruft

In der ersten Arbeitswoche des Jahres habe ich ein paar sehr ausgedehnte Kaffeepausen erlebt und sehr genossen. Dabei kamen auch alte Geschichten zur Sprache, Neuigkeiten von dieser oder jenem, von denen man im Alltag kaum etwas mitbekommt, weil sie ganz woanders eingespannt sind. Allerdings ist bei mir das Dehnen von Pausen auch mit einem innerlichen Ziehen an den Arbeitsplatz verbunden, da die Arbeit ja ruft.

Vor zweihundert Jahren haben sich in England einige Pfarrherren dafür eingesetzt, dass Arme und Bedürftige nicht mehr grosszügig versorgt werden…

Vor zweihundert Jahren haben sich in England einige Pfarrherren dafür eingesetzt, dass Arme und Bedürftige nicht mehr grosszügig versorgt werden, sondern zu mühevoller Arbeit in Minen und Fabriken gezwungen werden. Dass freie Zeit effizient genutzt wird. Sie glaubten fest daran, damit einer besseren Welt den Weg zu ebnen.

Kirchenintern gab es damals zwar auch andere Stimmen, aber diese unterlagen der Allianz von wortgewaltigen Kirchenmännern, geschäftstüchtigen Adligen und aufstrebenden Industriellen.

Das Resultat kennen wir nur zu gut: Zunehmendes Misstrauen aller gegen alle; Einführung strenger Kontrollen; Menschen als auswechselbare Arbeitsleistende; Normierung von Persönlichkeiten; Zerreissen von sozialen Netzwerken und Freundschaften durch geforderte Mobilität und Flexibilität; Verteufelung von Freizeit und Müssiggang; Tiere, Pflanzen, Pilze und Biotope als seelenlose Rohstoffe; Auslagerung von Fürsorge, Pflege und Erziehung an Frauen, Migrant:innen und Betagte; Einschulen der Kinder unter Leistungsdruck und Konkurrenz; Diktat von steigender Produktion und Effizienz; Spardruck; das strenge Ticken der Uhren …

Ich finde, es ist an der Zeit, dass Kirchgemeinden und Pfarrer:innen dem Pendel zum Auschlag in die andere Richtung verhelfen. Mit gutem Gewissen dürfen sich Kirchen herzhaft einsetzen für:

  • Ausstieg aus den fossilen Energien, Verminderung von Mobilität, Gestaltung von lokalen Lebensräumen, in denen zu Fuss oder mit Muskelkraft alles Notwendige innert 15 Minuten erreichbar ist
  • Integration und Inklusion von allen Bevölkerungskreisen, auch versehrte, armutbetroffene. originelle Menschen an der Gemeinschaft teilnehmen lassen, Einsatz für Rechte von Müttern, Kindern, Betagten, Migrant:innen
  • sinnvolle Arbeit, grosszügige Renten, vielleicht ein bedingungsloses Grundeinkommen, stärkere Entlöhnung und Würdigung von Care-Arbeit jeder Art
  • wohnliche und gesunde Lebensräume und familienfreundliche öffentliche Plätze für alle, generationen- und behindertenfreundliche Gemeindezentren, Orte des Willkommens
  • Kinder spielen lassen, statt sie zu mit Belohnungen und Bestrafungen zu disziplinieren, Gefängnisse neu gestalten, gemeinsam lernen
  • Räume für Kreativität, Kunst, Musik anbieten, Kunstschaffende und Musizierende unterstützen, Raum bieten für gemeinsame Essen zur Kontaktpflege, Zeit haben für die Geschichten des Lebens
  • Dialog statt Monolog, Zusammenspiel statt Leistungsdruck, Reparieren statt Wegwerfen, Biodiversität statt Monokultur, LGBTIQIA, Begegnungen auf Augenhöhe, Partizipation vieler ermöglichen
  • bewusst Pause machen, Träumen und Ideen nachhängen, sich Zeit nehmen, auf Kontrollen verzichten, Vertrauen bilden, Fehler und Scheitern zulassen, Achtsamkeit üben
  • Stress abbauen auf allen Ebenen

Aber zunächst kommt die Pause, das Innehalten.

Hängen geblieben ist mir aus der Christnachtpredigt in Aarau ein Satz, etwa so: „Wir sind so sehr damit beschäftigt (…) und (…) und (…) zu organisieren, dass Gott in seine eigene Welt einbrechen muss, weil er keinen Platz findet in einer Herberge.“ Ich sehe das auch bei vielen kirchlich Engagierten.

Veränderung beginnt mit uns, wenn wir einmal alles liegen lassen, was uns drängt und drückt. Aus der innernen Ruhe. Aus der Verbindung mit Menschen um uns herum. Aus dem Achtgeben auf das, was uns lockt oder ruft, wenn wir einfach da sind. Innerlich wachsen statt rennen. Uns überraschen lassen, von dem, was kommt.
Der Rabbi aus Nazaret hat es uns eigentlich vorgelebt.

Wir dürfen seinen Ruf aufnehmen.

 


Rutger Bregman hat in seinem Buch „Utopien für Realisten“ die Entwicklungen weg vom Orientierung am Gemeinwohl eindrücklich zusammengestellt.

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Verfasst von Simon Pfeiffer

Als ehemaliger Gemeindepfarrer auf der Fachstelle Pädagogisches Handeln, als miterziehender Vater in Teilzeitanstellung, als christlich geprägter Theologe mit Islamwissenschaftsstudium und Germanist mit Vorliebe für Mittelalter, Krimis und Fantasy lese und höre ich vielerlei. Gerne erprobe ich neues Wissen im Dialog. Und sehr gerne denke und spüre ich über Grenzen hinweg. Ich arbeite mit in der Arbeitsgruppe 1 "Inhalt und Botschaft".

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